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04. September 2010  | Von Meike Mittmeyer

Jerusalem

Israel - Eine Entdeckungsreise auf beiden Seiten der Grenze

 
| Vergrößern | Eine andere Welt: Blick auf die Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt, im Hintergrund der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel auf dem Tempelberg. Foto: Meike Mittmeyer


Jerusalem. Ein Schritt durch das Damaskustor genügt, um eine andere Welt zu betreten. Hinter den hohen Mauern der Jerusalemer Altstadt gibt es keinen Straßenlärm und keine Leuchtreklame mehr, das 21. Jahrhundert ist draußen geblieben. In engen, verwinkelten Gässchen des quirligen arabischen Viertels bieten Händler lautstark Gewürze und Stoffe an, Holzwagen rattern über das Kopfsteinpflaster.

Nur ein paar Meter weiter beginnt abermals eine andere Welt, als hätte man eine unsichtbare Grenze überquert: Im jüdischen Viertel ist es am Shabbat ruhig, Geschäfte und Türen bleiben geschlossen und orthodoxe Familien machen sich auf den Weg zur Klagemauer.

Die Altstadt, umringt von einer etwa vier Kilometer langen Mauer, ist wie ein abgeschlossener Mikrokosmos innerhalb der israelischen Hauptstadt, an dem bereits offenbar wird, was Israel insgesamt auszeichnet: Die Vielfalt an Religionen, Sprachen und Kulturen ist in diesem Land, flächenmäßig gerade einmal so groß wie Hessen, einzigartig auf der Welt. Als Zuhause heiliger Stätten für Christen, Juden und Moslems hat es für Gläubige in aller Welt eine besondere Bedeutung. Aber auch, wer Israel nicht vor einem religiösen Hintergrund bereist, spürt die beinahe magische Anziehungskraft der Kontraste, die hier alltäglich aufeinander prallen. Menschen verschiedenster Kulturen und mit ihren jeweils eigenen Traditionen leben nebeneinander, manchmal miteinander und sehr oft aneinander vorbei.

Grenzen gibt es in Israel viele: Unsichtbare wie in der Jerusalemer Altstadt zwischen arabischen, jüdischen, christlichen und armenischen Vierteln. Oder sichtbare wie die mehr als 700 Kilometer lange militärische Sperranlage, die - mal als Mauer, mal als simpler Maschendrahtzaun - das israelische Kerngebiet vom Westjordanland abgrenzt.

Ein Symbol der Trennung ist die Stadt Hebron in den palästinensischen Autonomiegebieten, rund dreißig Kilometer südlich von Jerusalem. 1998 wurde Hebron nach einer Reihe gewaltsamer Auseinandersetzungen in zwei Verwaltungsgebiete unterteilt - H1 kam unter palästinensische, H2 unter israelische Kontrolle. Heute prägen Überwachungstürme, Stacheldraht und hunderte Straßensperren das Bild der Stadt. Einst florierende Einkaufsstraßen sind heute leer und ausgestorben wie in einer Geisterstadt, seitdem den palästinensischen Ladenbesitzern dort der Zutritt nicht mehr erlaubt ist.
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Die Mauer: Teil der über 700 Kilometer langen Sperranlage, die das israelische Kernland vom Westjordanland abgrenzt, aufgenommen auf palästinensischer Seite in Bethlehem.

»Support Palestine«, rufen arabische Kinder, die geknüpfte Armbänder in den Farben der Palästinensischen Autonomiegebiete verkaufen. Sie kämpfen um die Gunst der Besucher, die im Gegensatz zu den Einwohnern mühelos durch die Grenzkontrollen zwischen den Sperrbezirken hin- und herwechseln können. Die eiserne Trennlinie zieht sich sogar durch das Wahrzeichen Hebrons, die Abraham-Moschee: Sie wird auf der einen Seite als Moschee genutzt, auf der anderen Seite ist sie für Juden als Synagoge zugänglich. Zwei Welten dicht an dicht, aber ohne Bindeglied.

Israel ist dennoch nicht gleichzusetzen mit Konflikt. Ein Bewusstsein über die Konfliktsituation reist zwar angesichts von schwer bewaffneten Soldaten auf den Straßen und Sicherheits-Checkpoints stets mit. Aber das Leben ist mancherorts, wie in der bunten Mittelmeer-Metropole Tel Aviv, zugleich von solcher Leichtigkeit gekennzeichnet, dass sich Berichte über gewaltsame Auseinandersetzungen im Gazastreifen hier weiter entfernt anfühlen als dieselben Meldungen in Deutschland. Und selbst im Nachtleben der politisch seit jeher umkämpften Hauptstadt Jerusalem, wenn Menschen auf den Straßen singen und tanzen - natürlich jeder in seinen eigenen Vierteln - wird deutlich, dass die meisten Menschen hier etwas sehr Zentrales gemeinsam haben: nämlich den Wunsch, friedlich zu leben. Gemeinsam haben sie auch die kulinarische Spezialität Falafel, frittierte Bällchen aus Kichererbsenbrei mit allerlei Salat in Pita-Brot, das in israelischen wie palästinensischen Gebieten gleichermaßen beliebt ist. Wessen Nationalgericht es nun tatsächlich ist, darüber herrscht natürlich auch Uneinigkeit.


 
 
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