Aus dem Hinterhof des kleinen Hauses in der Calle Ronda dringt Klaviermusik hinaus bis auf Straße, mal fröhlich mal traurig, aber immer in der Klangfarbe einer vergangenen Zeit. Wer davon angelockt wird, kommt bisweilen in den Genuss einer Privatvorstellung. Huberto Santacruz Torres, Klavierlehrer und Klavierrestaurateur in der Altstadt von Quito, sitzt an einem etwas marode wirkenden Piano und spielt einen Pasillo. Diese Musikrichtung ist Ende des 19. Jahrhunderts in Quito entstanden und verzaubert noch heute mit ihren melancholischen Klängen. Ab und zu greift Huberto auch zu einem betagten Hohner-Akkordeon und entlockt ihm eine romantische Weise. Beim Unterricht gibt es keine Noten. „Das Spielen lernt man nur mit dem Herzen“, sagt er.Im Untergeschoss ist seine Frau Patricia mit der Restaurierung eines betagten Klaviers beschäftigt. „Wir verwenden nur alte Teile, um den Originalklang zu erzielen“, erzählt sie. In dem kleinen Raum stehen drei Klaviere mit allerlei Defekten. „Sie alle haben einen Körper und eine Seele und wir geben ihnen auch einen Namen“, sagt Patricia. Sie berichtet von Nachbarn, die angeblich gehört haben, dass eines der Instrumente in der Nacht von selbst gespielt hat: „Nach Mitternacht feiern die Klaviere eine Party.“Huberto und Patricia gehören zu den vielen Bewahrern der alten Künste, die in der Calle Ronda, die offiziell Calle Morales heißt, ihren Sitz haben. Einige Schritte weiter betreibt der Hutmacher Luis Lopez seine Werkstatt, in der er eine kuriose Vielfalt von Kopfbedeckungen präsentiert. Neben gigantischen Damenhüten im Stil der zwanziger Jahre gibt es Varianten von Tirolerhüten und diverse Sombreros, darunter auch den „Sombrero de paja toquilla“, bekannt als Panamahut. Tatsächlich wurde er in Ecuador erfunden und bekam seinen Namen nur, weil er vorwiegend in Panama vertrieben wurde.Die Calle Ronda liegt etwas tiefer als die Umgebung und hat sich den Hauch einer geheimnisvollen Unterwelt bewahrt. Hier trafen sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Oppositionellen, auch Dichter, Maler und Musiker hatten hier ihr Refugium. Aber das Viertel lockte auch viele zwielichtige Gestalten an. Noch vor wenigen Jahren galt die Gasse als gefährliches Pflaster, noch heute kursiert in „Lonely-Planet“-Foren im Internet die Empfehlung, das Viertel nach 14 Uhr tunlichst zu meiden. Inzwischen hat die Stadtverwaltung viel Geld investiert, um die Calle Ronda zur Touristenattraktion zu machen. Viele kleine Restaurants und Café laden zur Einkehr ein.Die starke Präsenz von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten hat dafür gesorgt, dass man sich fast überall in der historischen Altstadt von Quito ohne Probleme frei bewegen kann – und das auch nach Einbruch der Dunkelheit. Gut bewegen kann man sich in Quito den ganzen Tag über, auch deshalb, weil es nicht so heiß ist. Zwar ist die Stadt nur wenige Kilometer vom Äquator entfernt, aber durch die Höhenlage von 2850 Metern herrschen das ganze Jahr über erträgliche Temperaturen zwischen 10 und 20 Grad.Nirgendwo in Amerika kann man auf so engem Raum so viele prachtvolle Zeugnisse der spanischen Kolonialzeit bewundern. Als erste Stadt der Welt wurde Quito schon 1978 als Weltkulturerbe der Unesco ausgezeichnet, in diesem Jahr folgte der Titel „Kulturhauptstadt Amerikas“. Allein um die wichtigsten Kirchen mit ihrer prunkvollen barocken Innenausstattung zu besichtigen, muss man mindestens zwei Tage einkalkulieren. Glanzstätte ist die Jesuitenkirche „La Compañía de Jesús“, die mit ihren vergoldeten Altären, Säulen und Kanzeln eine riesige Schatzkammer ist. Dass viele Goldschätze den Indios geraubt und deren Kultur von den spanischen Erobern im Zeichen des Kreuzes weitgehend ausradiert wurde, wird angesichts der glitzernden Pracht leicht vergessen.Im Museum des Klosters San Francisco sind rund um den malerischen Klosterhof viele der lebensgroßen Heiligenfiguren zu sehen, die von den Franziskanern zur Missionierung der Indios eingesetzt wurden. Manches davon wirkt reichlich makaber: Für die Gestaltung eines betenden Mönches wurde der Schädel eines früh verstorbenen Mädchens benutzt. Viele der hier ausgestellten Skulpturen und Gemälde stammen von Künstlern der „Escuela Quiteña“, die im 17. und 18. Jahrhundert eine der bedeutendstens Kunstschulen Lateinamerikas war. Prunkvoll ist auch die Kirche San Francisco, allerdings ist der goldene Glanz hier schon stark verblichen. In dem düsteren Gotteshaus herrscht eine geradezu gespenstische Atmosphäre. Die Franziskaner kamen 1534 als erster Orden in die Region, der Klosterkomplex gilt als Ursprung der Stadt Quito. Die Kathedrale an der Plaza Grande, San Agostin mit dem angeschlossenen Kloster, Santo Domingo und La Merced sind weitere berühmte Gotteshäuser des kolonialen Quito. Auf den Plätzen der Altstadt geht es dagegen umtriebig und weltlich zu. Auf der Plaza de San Francisco gibt es regelmäßig Festivals, Paraden und Konzerte, auf der Plaza Grande locken Straßenmusikanten und Komödianten ihr Publikum an, während die politischen Eiferer, die in einer Ecke des Platzes nach dem Muster der Londoner Hyde Park Corner große Reden schwingen, meist weniger beachtet werden.Um einen Überblick über die Stadt zu bekommen, die in einem lang gezogenen Tal zwischen den Gipfeln der Anden angeordnet ist, lohnt sich ein Aufstieg auf die Türme der Basilika, die zwischen Alt- und Neustadt liegt. Mit dem Bau wurde schon 1884 begonnen, aber die Innenausstattung ist noch immer sehr karg. „Man sagt, wenn die Kirche fertiggestellt wird, geht die Welt unter“, erzählt Stadtführerin Cintia Brito. „Deshalb baut man sie lieber nicht weiter.“ Wer die Türme besteigen will, muss schwindelfrei sein. Bis zur Balustrade in Höhe des Kirchenschiffs gelangt man noch bequem mit dem Lift oder über eine breite Treppe, dann aber beginnt ein kleines Abenteuer. Über schmale Stahlleitern geht es in die Höhe, beim nördlichen Turm in zwei gewagten Windungen an der Außenfassade entlang. Belohnt wird man mit weiten Blicken und anschließend einer Stärkung im gemütlichen Café. das in einem Glockenturm untergebracht ist. Bei einem Cappuccino schaut man aus den Kirchenfenstern auf die umtriebige Stadt und genießt zugleich die himmlische Ruhe.Wer den Blick nach Norden richtet, sieht das moderne Quito mit seinen Hochhäusern und den Siedlungen, die an den Hängen emporwuchern. In der Mitte liegt das Vergnügungsviertel Mariscal, in dem es neben Hotels und Hostels aller Preisklassen auch viele Restaurants, Bars und Nachtklubs gibt. Hier treffen sich junge Touristen aus aller Welt. „Von den Einheimischen wird Mariscal deshalb auch ’Gringolandia’ genannt“, sagt Cintia. Beim Bummel durch die Straßen wird man dann auch gerne mal von hilfreichen Verkäufern gefragt, ob man „irgendetwas braucht“ – Marihuana oder auch härtere Ware aus dem benachbarten Kolumbien.Auf eher harmlose Drogen und ihre eigenen magischen Kräfte setzt Kräuterfrau Emma Lagla, die in der Altstadt einen kleinen Laden betreibt. Ständig kommen Einheimische vorbei, um sich Kräuter oder Tinkturen zu holen, die gegen diverse Leiden helfen sollen. In einem Hinterzimmer bietet Emma eine „Limpia“ an – eine Generalreinigung von Körper und Seele. „Mithilfe der Pflanzen kann ich die Menschen von den negativen Energien befreien“, erzählt die Kräuterfrau. „Besonders vor Weihnachten kommen viele Leute. Sie wollen das Schlechte austreiben und Platz für das Gute schaffen“. Die dazu benötigten Kräuter bezieht sie zum Teil aus den Dschungelgebieten im Osten Ecuadors, zum Teil aus der Küstenregion, die übersinnlichen Kräfte sind im Familienbesitz: „Auch meine Mutter und meine Großmutter hatten diese Gabe“, sagt Emma.Jeden Sonntag zeigt sich Quito von der sportlich aktiven Seite. Dann ist die Avenida Rio Amazonas, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt, für den Autoverkehr gesperrt. Beim „Ciclopaseo“ gehört die Route zwischen Altstadt und Flughafen den Radfahrern, außerdem kann man auch einen Umweg durch die großen Parks El Ejido und La Carolina einlegen, wo sich am Wochenende die Quitanos bei Fußball, Volleyball und Tanzveranstaltungen vergnügen. Auch für Besucher ist das eine gute Gelegenheit, um die Stadt von einer anderen Perspektive kennenzulernen. Fahrräder kann man stundenweise in den Parks ausleihen. Wer dem Stadtgetriebe entfliehen will, fährt mit der Seilbahn (dem „Teleférico“) von der am Stadtrand gelegenen Talstation bis zu einem Plateau auf 4050 Meter Höhe hinauf. Von hier aus führen mehrere Wanderwege an den Hängen des Vulkans Pichincha entlang. Wegen der Höhenluft lässt man es zunächst etwas ruhiger angehen, alternativ kann man auch eine Rundtour auf dem Pferderücken unternehmen. An sonnigen Tagen bietet sich ein guter Blick auf die Vulkane auf der anderen Seite der Stadt bis hin zum schneebedeckten Cotopaxi. Oft aber ziehen Wolkenschwaden aus dem Tal hinauf und verleihen der Landschaft eine mystische Stimmung. Auch mit Regenschauern ist immer zu rechnen, doch schon wenige Minuten später glitzern die Häuser und Kirchen der Stadt wieder im Sonnenlicht.
Ecuadors Hauptstadt Quito
Quito – In der Hauptstadt Ecuadors haben die Bewahrer der alten Künste ihren Platz – Goldener Zauber in den Kirchen aus der spanischen Kolonialzeit
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