19. Juni 2009 | Daniel Baczyk
Virginia
In Washingtons Umland reift eine Weinkultur nach europäischem Vorbild

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Das Capitol, die Herzkammer der amerikanischen Demokratie. Fotos: Daniel Baczyk
Mike Canney hat Benzin im Blut. Und Chardonnay. Eine ungewöhnliche Mischung. Das macht aber nichts, denn Canney hat kein Problem damit, gemeinsam mit seiner Frau Diane zwischen ihren Wohnorten in Florida und Virginia und den Rennstrecken der USA zu pendeln.
Mit seinem Rennstall „Horsepower Ranch“, persönlich am Steuer eines 400 PS starken Ford Mustang, geht der gelernte Ingenieur in der Rennserie „Koni Sports Car Challenge“ an den Start. Das Abschlussrennen 2008 in Virginia hat der Einundfünfzigjährige gewonnen.
Ein Rennsportverrückter, ein Adrenalinjunkie. Davon gibt es einige. Aber nicht viele davon, und jetzt kommt der Chardonnay ins Spiel, haben nebenbei ein eigenes Weingut begründet.
„Sunset Hills Vineyard“ steht denn auch auf dem hinteren Kotflügel des Mustangs, den der vielleicht schnellste Winzer der Welt mit 260 Sachen durch Steilkurven jagt, in Millimeterabstand an der oberen Betonmauer entlang.
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Uralte Holzkonstruktion: Das Haupthaus der Sunset-Hills-Kellerei in Loudoun County ist von Angehörigen der Amish-Religionsgemeinschaft restauriert worden.
Wie friedlich sieht die Welt dagegen in Sunset Hills aus, einem idyllischen Fleckchen Erde zwischen den Städtchen Hillsboro und Purcellville im Loudoun County, Virginia. Dort haben die Canneys vor rund zehn Jahren die ersten Weinstöcke gepflanzt. Zeitgleich begann die Renovierung einer 130 Jahre alten Scheune.
Dafür heuerten die Neu-Winzer eine ungewöhnliche Mannschaft an: Sechs Brüder aus der Gemeinschaft der Amish-Leute, die aus religiösen Gründen viele Entwicklungen der modernen Gesellschaft ablehnt und in mehreren US-Staaten einen starken Zusammenhalt aufrecht erhält. Die Amish gelten als Spezialisten für Holzrestaurierungsarbeiten.
„Sie kamen ohne Auto“, staunt Rennfahrergattin Diane Canney noch heute. Strom sei nur von 6 bis 18 Uhr genutzt worden. Die Amish-Brüder richteten nicht nur die marode Eichenholz-Scheune mit Respekt vor der uralten Konstruktion zu einem wahren Schmuckstück her, sondern schreinerten auch eine Bar und einen beeindruckenden Flaschenschrank.
Im Keller reift in französischen Fässern außer Chardonnay auch Merlot, Cabernet
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Cheers! Die Neu-Winzer Lori und Jim Corcoran laden gern zur Weinprobe.
Sauvignon und Viognier.
Auf ähnliche Rebsorten setzt auch das benachbarte Weingut Corcorans. Lori und Jim Corcoran haben zudem Riesling im Angebot. Beide sind ebenfalls Quereinsteiger.
Wie haben sie das Handwerk gelernt? „Beim Trinken“, grinst Jim Corcoran. Bei einem Weinfest reifte die Idee, es selbst mit dem Anbau zu versuchen. In Seminaren erwarben sie die theoretischen Grundlagen.
„Winemaking is science“, ist Corcoran überzeugt. Die wissenschaftliche Weinproduktion betreibt er in Zusammenarbeit mit der renommierten Universität Virginia Tech.
„Sexy ist das nicht“, räumt er ein. „Aber wenn man den Prozess wiederholbar macht, kann man einige ziemlich unglaubliche Sachen anstellen. Wir kennen unseren Wein jedenfalls ganz intim.“
Die Weinkultur in der Vereinigten Staaten ist im Wachstum begriffen, haben die Winzer beobachtet.
Virginia rühmt sich, eines der traditionsreichsten Anbaugebiete in Übersee zu sein. Bereits mit der Staatsgründung 1607 – lange bevor an die Vereinigten Staaten zu denken war – war die Weinproduktion zum Ziel erklärt worden. Allerdings scheiterten zunächst viele Anbauversuche, unter anderem die Bemühungen des dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson.
Heute gibt es im Nachbarland der Hauptstadt Washington über 140 Weingüter und 13 „Wine Trails“, also Weinstraßen; im Loudoun County dürfte die Winzer-Konzentration am dichtesten sein. Viele Weingüter liegen dabei eher versteckt; von einem landschaftsprägenden Weinanbau ist Virginia noch weit entfernt. Um so familiärer ist die Atmosphäre in den Probierstuben.
Im sattgrünen Loudoun County mit seinen nach US-Maßstäben uralten Kolonialstädtchen kann man schon hängen bleiben. So ist es Anna Fasolo ergangen: Die gebürtige Gießenerin ist vor Jahren ihrem Mann über den Atlantik gefolgt.
„Wir sind oft in Deutschland“, erzählt sie, „aber dann auch froh, wieder in Virginia zu
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Amerikanische Geschichte spiegelt sich im Stadtbild von Leesburg, knapp 70 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Washington. Im amerikanischen Bürgerkrieg war das Städtchen im Norden Virginias heiß umkämpft.
sein. Hier ist das Leben viel einfacher.“
Erbarme, die Hesse komme: Tourismus-Managerin Fasolo kennt noch einen, den es ins Loudoun County verschlagen hat – Dieter Rausch aus Darmstadt. Der hat in Middleburg mit seiner amerikanischen Frau den „Christmas Sleigh“ eröffnet, einen Laden für Weihnachtsartikel mit Internet-Versand.
Die Gattin des Darmstädters übrigens, das erzählt Anna Fasolo so nebenher, ist eine weltweit bekannte Person, die tatkräftig an einem spektakulären Stück jüngerer amerikanischer Geschichte mitgeschrieben hat: dem dritten Amtsenthebungsverfahren gegen einen US-Präsidenten. Es handelt sich um Linda Tripp, die mütterliche Vertraute einer gewissen Monica Lewinsky – genau, die Geliebte von Bill Clinton.
Tripp hatte Ende der neunziger Jahre tückisch das Tonband mitlaufen lassen, als Lewinsky am Telefon über die geheime Beziehung zum 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten tränenreich ihr Herz ausschüttete. Später übergab sie die Bänder dem Sonderermittler der Staatsanwaltschaft. So wurde sie zum Hassobjekt aller liberalen Amerikaner und zur Symbolfigur einer falschen Freundin.
Heute würde niemand mehr Linda Tripp erkennen, erzählt Fasolo: Sie habe mehrere Gesichtsoperationen hinter sich und lebe zurückgezogen.
Während im Loudoun County nach einem langen Winter die Reben sprießen und abertausende Pferde auf die Weiden zurückgekehrt sind, wird wenige Dutzend Meilen entfernt in Washington weiter kräftig am Rad der Geschichte gedreht. Barack Obama heißt der Mann, der dabei den Takt vorgibt und der Hauptstadt bereits nach wenigen Monaten im Amt seinen Stempel aufgedrückt hat.
Change! Yes We Can! Lebensgroße Pappfiguren, Fahnen, Poster, Aufkleber, T-Shirts, Caps, Büsten, Statuen, Kaffeetassen in unzähligen Schaufenstern zeigen den Hoffnungsträger, nicht selten mit Gattin Michelle. Nach den bleiernen Bush-Jahren hofft Washington auch auf eine Rückkehr der Besucherscharen aus aller Welt; erste Zwischenergebnisse sind ermutigend.
Wäre auch schade, wenn die Welt keine Notiz mehr nehmen wollte vom Capitol, dieser Kathedrale der Demokratie; von der stolzen Wucht der Regierungsbauten und dem pittoresken Kolonialviertel Georgetown als Gegenpol; oder von den hochklassigen Kunst-, Naturkunde-, Technik- und Geschichtsmuseen entlang der weitläufigen National Mall.
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64 Jahre nach der Pazifikschlacht steht Iwo-Jima-Veteran Aaron J. Shelley noch immer mitten im Leben - und posiert gern mit italienischen Touristinnen. An den Kriegs-Gedenkstätten in Washington treffen sich die Überlebenden vergangener Kämpfe.
Jüngste Neueröffnung ist das „Newseum“, Gedenkstätte des Journalismus und der freien Presse, mit Zeitungsdokumenten aus allen Ländern und Epochen sowie eindrucksvollen Sonderabteilungen zum Fall der Berliner Mauer und zum Schockerlebnis des 11. September 2001.
Ein Zeitungsfoto war es schließlich auch, das zum Vorbild genommen wurde für das Iwo-Jima-Memorial am anderen Ufer des Potomac – eines von mehreren Gedenkstätten an die Kriege der Vereinigten Staaten, den Alten zur Ehr, den Jungen zur Lehr. So findet sich dort auch eine bunte Mischung von Schulklassen und Busladungen voller Veteranen in einheitlichen T-Shirts.
„Das ist das wertvollste Monument der Welt“, verkündet Aaron J. Shelley nicht ohne Rührung mit Blick auf die überlebensgroßen Bronzesoldaten, die auf dem Podest das Sternenbanner hissen. Es geht um den Pazifik-Krieg gegen Japan, und Shelley, heute 87, war persönlich bei den verlustreichen Kämpfen und die Insel Iwo Jima dabei.
„Ich habe einen Haufen guter Männer in dieser Schlacht verloren“, erzählt der damalige Lieutenant Colonel (C-1-28, Fünfte Marine-Division). Eine Botschaft hat der Veteran an die Nachgeborenen, sie ist von zeitloser Gültigkeit: „Ehrt stets Eure Mütter.“
Region Washington: Wein, Natur und Politik
Wein kann man nicht online verkosten, aber einen Eindruck von den Kellereien in Virginia vermitteln deren Internet-Seiten schon: www.corcoranvineyards.com und www.sunsethillsvineyards.com.
Die Weinstraße im Loudoun County präsentiert sich unter www.loudounwine.com.
Wein ist in den USA teurer als in Europa, die Preise beginnen zumeist bei 18 bis 20 Dollar (13 bis 14 Euro) pro Flasche.
Sehenswert ist der in der Nähe gelegene Shenandoah-Nationalpark, der sich auf einem Höhenzug über dem gleichnamigen Fluss erstreckt. Das Waldgebiet wurde in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter Schutz gestellt. Hinweise im Internet unter www.nps.gov/shen.
Im Städtchen Luray am östlichen Parkzugang hat der bayerische Auswanderer Erwin Asam Anfang 2006 das 1931 im herrschaftlichen Südstaaten-Stil errichtete Hotel „Mimslyn Inn“ gekauft und neu hergerichtet. Es zählt zu den 223 „Historic Hotels of America“, ernannt vom „National Trust for Historic Preservation“.
Asam freut sich, wenn deutsche Gästen seine Sprachkenntnisse vor dem Verrosten bewahren. Internet: www.mimslyninn.com.
Das Capitol in Washington hat nach sechsjähriger Bauzeit ein neues unterirdisches Besucherzentrum bekommen. Eine Führung durch das Gebäude ist kostenlos. Internet: www.visitthecapitol.gov.
Das Newseum bezeichnet sich selbst als „interaktivstes Museum der Welt“. Internet: www.newseum.org.
Unter der gebührenfreien Telefonnummer 0080096534264 und über E-Mail crusa@claasen.de kann kostenloses Informationsmaterial zur Capital Region USA (Washington DC, Virginia und Maryland) angefordert werden.
Deutschsprachige Informationen gibt es im Internet unter www.capitalregionusa.de.
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