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26. Juni 2010  | Von Andreas Müller

Unerkannter Beobachter im Alltag

New York: Michael Greenbergs Buch ,,Betteln, Borgen, Stehlen" erzählt von der dauerhaften Faszination, die die Stadt auf Schriftsteller ausübt - Anregung für Besucher, die Metropole aus neuen Perspektiven zu sehen

| Vergrößern | Unterwegs in Manhattan: Treffen mit Michael Greenberg am German Square. Foto: Andreas Müller

In keiner anderen Weltstadt dürften so viele international erfolgreiche Autoren leben wie in New York. Das ist sicher der Hauptgrund dafür, dass so viele Romane auch dort spielen. In den letzten Monaten ist allein in Deutschland rund ein Dutzend neuer New York-Romane erschienen. Hier nur ein paar Namen der bekanntesten Autoren, die dort leben oder immer mal wieder in New York zuhause sind: Paul Auster und seine Frau Siri Hustvedt, Philip Roth (soll wieder ganz dorthin gezogen sein), Don DeLillo, John Wray, Michael Cunningham, Thomas Pynchon, Jonathan Lethem, Jonathan Franzen, Richard Price, Paula Fox, Lily Brett - und das ist nur eine Mini-Auswahl der international erfolgreichsten.

Zu dieser Elite hat sich Michael Greenberg hinzu gesellt. Sein literarisch anspruchsvoller Bericht ,,Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde" ist ein weltweiter Bestseller, der eine reale Erkrankung seiner Tochter schildert. Das liegt nun schon einige Jahre zurück, und im Gespräch zeigt sich Greenberg erleichtert, dass seine Tochter mittlerweile weitgehend selbstständig leben kann. ,,Außerdem habe ich das Buch natürlich nur schreiben können, weil sie mich dazu ermuntert hat." Sein gerade auch auf Deutsch erschienenes Buch ,,Betteln, Borgen, Stehlen" ist auf dem besten Weg, den Vorgänger zu übertreffen. Man kann es jedem New York-Besucher als ideale Lektüre während des Fluges nur dringend empfehlen; es ist eine viel intensivere Vorbereitung als jeder Reiseführer.

Beim Treffen in der Upper West Side wagt Michael Greenberg eine Erklärung für die Faszination, die New York gerade auf Schriftsteller ausübt: ,,Die Lebendigkeit und Vielseitigkeit der Stadt, die immensen Unterschiede in allen Stadtvierteln - das muss es sein, was die Kreativität beflügelt und es gleichzeitig ermöglicht, permanent und trotzdem immer wieder originell über New York und seine Menschen zu schreiben. Die Menschen hier leben oft so extrem, dass man es nicht nur als Besucher wahrscheinlich gar nicht wirklich wahrnehmen kann." Wenn man nicht über viele Jahre in dieser Stadt lebt, ist man auf die Vermittlung durch die angewiesen, die wahrnehmen und schildern, was andere übersehen.

Michael Greenberg ist für diese Fähigkeit ein Paradebeispiel: Noch die kleinste Beobachtung weiß er in einen Zusammenhang zu stellen, der dem Leser Einblicke ermöglicht. Am Westrand des Central Park läuft man die Amsterdam Avenue entlang, an der an der Ecke 109th Street fällt einem das Experiment ein, das Greenberg genau dort über mehrere Stunden gemacht hat: ,, Es war Freitag, halb fünf, und es regnete leicht, der Verkehr wälzte sich in nördlicher Richtung nach Harlem. Dutzende Passanten traten in das 'Deli' an der Ecke und kamen mit Lotterielosen wieder heraus, die sie rubbelten und danach zu Boden fallen ließen. Nach einer Stunde war der Gehsteig um mich herum mit Hunderten weggeworfener Lose übersät, deren silberne Ränder im Regen glitzerten. Ein Vater eilte mit seinen dreijährigen Zwillingstöchtern vorbei, die, eine an jeder Hand, mit ihm Schritt zu halten versuchten. Beim Überqueren der Straße verlor eines der Mädchen seinen Turnschuh, und der Vater stieß ihn mit dem Fuß auf den Bürgersteig, damit er nicht von einem Auto zerdrückt wurde. Hinter mir wurde ein Zehn-Dollar-Drogengeschäft abgewickelt. (...) Um acht Uhr empfand ich eine angenehm friedliche innere Leere, die stärker war als mein Wunsch, ins Trockene zu flüchten oder weiterzugehen."

Dieses Zitat bringt auf den Punkt, wie sich Michael Greenberg in seiner Rolle als Schriftsteller versteht: ,,Natürlich will ich meine Leser - und nicht nur die in New York - auf Dinge aufmerksam machen, die wir alle in der Hektik unseres Alltags nicht wirklich zur Kenntnis nehmen, obwohl sie alle anderen genauso sehen könnten wie ich. Viele tun das auch - im Blickwinkel, im Vorübereilen, mit sich selbst beschäftigt, sie hasten weiter, weil sie die anderen Menschen oft als Belästigung, wenn nicht gar als Bedrohung wahrnehmen." Gerade da kann der Schriftsteller in seinem Rollenverständnis auftreten: als unerkannter Beobachter in der Menge, der sein Sensorium stellvertretend für alle anderen nutzt.

Wie sehr das auch die New Yorker selbst zu schätzen wissen, belegt nicht nur der Umstand, dass die in ,,Betteln, Borgen, Stehlen" gesammelten Szenen (fast 50 aus verschiedenen Stadtteilen und Blickwinkeln sind hier zu lesen) über Jahre hinweg mit riesigem Erfolg im ,,Times Literary Supplement" erschienen sind. Das Buch ist in der ,,Hauptstadt der Welt" ein absoluter Bestseller. Warum hat Michael Greenberg diese Kolumne mittlerweile eingestellt? ,,Es wurde mit der Zeit einfach zu viel. Nicht, dass mir die Themen ausgegangen wären - das ist gar nicht möglich. Aber es hat zu viel von meiner Schreibenergie verschluckt. Ich sitze an einem Roman, und muss mich auf den konzentrieren."

Der Erfolg seines zweiten Buches hat dazu immerhin geführt, dass ein erster Roman aus den frühen achtziger Jahren, der damals von einem Verleger in die Schublade verbannt worden ist, jetzt doch noch erscheinen wird. ,,Verrückt - nicht? Damals fiel ich erst einmal in eine Schaffenskrise, verfiel fast in Agonie, schlug mich wie schon vorher mit allen möglichen Jobs durch - ich hatte eine Familie. Schließlich entschloss ich mich, die Schriftstellerkarriere ganz aufzugeben." Danach aber - ,,und das dauerte gar nicht so lange" - fand er einen neuen, freieren Zugang zum Schreiben, verfasste unter anderem auch Drehbücher für Filme - ,,Aber wenn du in Hollywood dauerhaft erfolgreich sein willst, musst du nach Los Angeles ziehen, und das wollte ich nicht."

Es kam dazu, dass er seine Geschichten der New Yorker Wirklichkeit abzulesen begann: ,,Ich habe mir meine Stoffe tatsächlich von den Menschen erbettelt, geborgt, ja, auch gestohlen. Aber ich bleibe ihnen auf der Spur, ihren Identitäten, und in jeder Geschichte stecken Blutstropfen von mir. Ich will Dinge aus unserem Leben, unserem Sein in unser Bewusstsein heben. Ich will den übersehenen Menschen ein Stück ihrer Ehre, ihrer Menschlichkeit zurück geben."

Gerade dieser Ansatz: Leben in einer packenden Sprache direkt in Literatur zu formen, macht die Qualität des Buches von Michael Greenberg aus. Mit ihm wird jeder Leser New York direkter, offener erleben: ganz dicht an der Stadt und ihren Menschen.



 
 
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