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20. Februar 2010  | Von Daniel-Patrick Görisch

Texas

Wo sind all die Cowboys geblieben?

 
| Vergrößern | Rindertreiben in der Main Street: Tägliches Touristenspektakel in den Stockyards, dem historischen Viertel von Forth Worth. Foto: Daniel-Patrick Görisch

Hey Pardner - irgendwas muss dich doch locken, wenn du ausgerechnet nach Amarillo, Texas fliegst, um die Städte aus den alten Westernhits abzuklappern: Kühe mit langen Hörnern, silberne Sporen an Cowboyboots, der Hauch von Freiheit, den einst der Marlboro-Mann versprühte, bevor er an Lungenkrebs starb. Und ja, Pardner (diese für Texas und die Nachbarstaaten typische Anrede klingt sehr gedehnt), du wirst den Westen finden im Norden von Texas, vorbei an Lubbock bis Dallas. Aber wild und romantisch ist er nicht, und das Cowboyleben wird hier manchmal zur Persiflage seiner selbst.

Im ,,Big Texan" zum Beispiel - dem wohl beliebtesten der unzähligen Steak-Häuser von Amarillo. Die Alten Herren der Bluegrassband mit Stehbass und Fiddle wandern von Tisch zu Tisch, während in der Restauranthalle halbe Kühe auf die Teller kommen. Sie lassen Johnny Cash aufleben und legen gerne ,,Amarillo By Morning" nach, wenn du ihnen einige Dollar in die Karohemden steckst. Der Song kommt von George Strait, der Countrysänger ist hier in. Aber Pardner, frag' hier nicht nach den ,,Dixie Chicks", es sei denn, du bist auf Diskussionen aus. Die Band ist ,,pfui", weil sich Frontfrau Natalie Maines 2003 bei einem Konzert in London dafür schämte, dass Ex-Präsident Georg W. Bush wie sie aus Texas stamme. Da haben konservative Texaner ihre Schallplatten zertreten. ,,Wir haben es den verzogenen Gören bis heute nicht vergessen", verrät Jutta Matalka, Tourismusmanagerin von Amarillo. Sie hat Deutschland schon vor Jahrzehnten verlassen, ist längst eine Südstaaten-Lady.

72 Ounces wiegt das mächtigste Rindersteak im ,,Big Texan", das sind satte 2,041 Kilo. ,,Nur für Hungrige", steht in der Karte, für den kleinen Appetit wird gebratene Klapperschlange empfohlen. Wer das Steak in einer Stunde verputzen kann, bekommt den Fleischberg ganz ,,for free" - kostenlos. Nicht wenige konnten die Wette auf ihren Magen schon gewinnen. Aus dem roten Cowboystiefel dürfen sie trinken, so viel sie wollen.

Wettess-Kandidaten nehmen auf der Bühne Platz, unter einem Longhorn-Schädel. Texasflagge rechts, Sternenbanner links. Ein Typ mit Sheriffstern moderiert das Schaufressen und startet die Stechuhr. Jeder Bissen wird beäugt. ,,Der da schafft es nicht", verrät Juttas Kennerblick. Der Mann ringt schon nach Minuten mit jedem Bissen, starrt in den Raum, als würden die Hirsch- und Rindertrophäen ihn gleich anspringen. Ob hier schon mancher zum Vegetarier wurde? Man hätte es schwer damit in der Hauptstadt der Steaks, im nördlichen Landzipfel von Texas.

Auch wenn es in den quadratischen Straßenzügen von Amarillo, mit seinem mächtige Santa Fe-Building, eher nach Bürostadt riecht: Hier ist das Herz des Viehhandels. Der größte Viehmarkt. ,,28 Prozent des US-Rindfleischs kommen aus Texas,", sagt Jutta. Pardner, willst du Downtown Amarillo entspannt erleben, fahre Sonntagfrüh durch - die reine Geisterstadt. Die Einwohner sind dann in einer der 98 Kirchen von 22 Konfessionen. Die meisten sind Baptisten. Pferdestatuen vor den Gebäuden verraten: Amarillo ist auch Stadt des Quarter Horse: die wendigen Westernpferde dirigieren Rinder wie ein Hütehund. Die Viertelmeile packen sie im Galopp so schnell, dass sie Quarterhorse heißen. Am Quarter Horse Drive residiert der Züchter-Weltverband mit einem Museum der Zucht- und Sportgeschichte.
Revolversalven im gestreckten Galopp - Pardner, hier muss dein Westernherz hüpfen! In der riesigen Halle nur ein Block vom Museum fegen Cowboys und -girls zu Pferd durch den Parcours, wie im Flug vorbei an Luftballons an Pflöcken. Mit Revolver oder Unterhebel-Gewehr (meist verallgemeinernd Winchester genannt) feuern sie mit Platzpatronen über die Pferdeohren hinweg, die beste Zeit bei zehn von zehn möglichen Treffern machen den Meister. Zur Weltmeisterschaft in diesem ,,Mounted Shooting" reisen alljährlich 300 Teilnehmer nach Amarillo. Es geht um 20 000 Dollar und einen Truck. Und seit einem Jahr mischen auch Nicola Rahn und Heino Hagge aus Deutschland mit. Auf gestellten Pferden und mit geliehenen Waffen. Zuhause in Boklund loten sie aus, wie man diese Cowboysportart auch in Deutschland betreiben könnte. ,,Das Interesse ist groß", sagt Hagge.

In Texas gehört der Colt für viele zum Cowboyhut, wie die Cola zum Burger. ,,Das ist Ranchland, es gibt Klapperschlangen und Coyoten", argumentiert Jutta. Ein geladenes Gewehr dürfe jeder mit sich tragen, der 18 Jahre ist; bei Kurzwaffen gibt es geringe Einschränkungen.
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Nur für Hungrige: Wettessen im Steakhaus „Big Texan“ in Amarillo. Foto: Daniel-Patrick Görisch

Und dann die Route 66! Pardner, schau dir diese Legende von einer Straße an: den abgeschruppten Asphalt, Telegrafenmasten bis zum Horizont. ,,Get your kicks, on route 66", sangen etwa die ,,Rolling Stones". Biker bollern auf ihren Harleys vorbei, schauen wehmütig, trinken einen auf die Nostalgie. Bevor du aufbrichst gen Süden, besuche den Palo Duro Canyon, mit atemraubenden Schluchten, Höhlen und Spitzen. Mit 193 Kilometern Länge ist er die US-Nummer Zwei, nach dem Grand Canyon.

In der Cadillac Ranch an der Interstate 40 stecken ein Dutzend abgewrackte Karosserien die Nase in den Wüstenboden. Künstler haben die Schlitten eingegraben, Touristen verleihen ihnen immer neue Graffiti. Sprühdosen liegen reichlich herum.

Die Interstate 27 zieht sich durch kahles Buschland nach Lubbock, der Heimat von Buddy Holly, Eldorado tausender Präriehunde und Stadt der größten Universität des Staates, der Texas Tech. Schau bei Buddy rein: Im Museum im alten Bahnhof findest du seine Instrumente, Erinnerungen, Musik, Filme. Und Theorien zum Flugzeugabsturz, bei dem er 1959 sein Leben ließ. Drehe Buddys ,,That'll Be The Day" laut, als wolltest du Don McLean zeigen, dass die Musik noch nicht tot ist, und besuche den Friedhof von Lubbock. Du kannst bis vor diesen kleinen Stein mit der eingemeißelten E-Gitarre fahren. Fans haben Buddy Holly mit Blumen bedacht, die typische Hornbrille dazugelegt, Gitarrenplättchen und eine Cola.

Weiter geht es auf der 84 nach Abilene. Baumwollfelder reihen sich zwischen Gastürmen und Ölpumpen. Viele stehen still, weil bei gesunkenen Preisen der Abbau nicht lohnt. Texas setzt auf Beef und Wolle und hofft, dass das schwarze Gold wieder anzieht. Hinter Abilene weicht die Großstadt-Tristesse sanftem Wald und charmanten Einfamiliensiedlungen. Architekt Terry Browder hat einige luxuriöse Gästewohnungen im Westernstil gebaut. Hier übernachten ist wie ,,schöner Wohnen" im Cowboystil.

Im Museum ,,Frontier Texas" erlebst du in pfiffigen Animationen, wie das Land besiedelt wurde - siehst Kämpfe zwischen Siedlern und Indianern. Technisch gut gemacht, von der Perspektive aber ein Zeugnis des unter US-Amerikanern weit verbreiteten Kultur-Chauvinismus, der die Indianer als primitiv und blutrünstig abtut.

Nach Dallas sind es von Abilene drei Autostunden. Und, Pardner, wenn der immer gelassene Jeróme dein Fahrer ist, lernst du viel über Land und Leute. Etwa, dass du hier die Menschen am höflichsten mit ,,Pardner" ansprichst, wenn du was von ihnen willst. Das öffnet Türen, ob an der Tankstelle oder im Supermarkt. Und du hörst darauf nicht selten ein langgezogenes ,,noooo prooblem".

Jeróme war früher Cowboy, ein harter, mit dem Pferd draußen bei den Kühen. Ein Leben, wie es selten geworden ist im Norden von Texas, wo Rinderherden per Hubschrauber getrieben werden und die Haltung maschinisiert wurde. Wo Westernleben längst Jahrmarkt ist und Kunstgalerien und Theater den modernen Stolz ausmachen. Wo neuerdings Wein zwischen Baumwolle wächst. Es gebe sie noch, die echten Cowboys, weit ab von der Zivilisation. ,,Aber Pardner, du findest sie nicht am Highway und sie wollen auch nicht mit dir reden", sagt Jeróme und lacht. Er setzt uns in Fort Worth ab, in den Stockyards, dem historischen Distrikt dieser Metropole, die mit Dallas zusammen gewachsen ist. Hier wurden einst die Rinder auf die Eisenbahn verladen. Die Kulisse gleicht einer Westernstadt mit teuren Andenkenläden. Pünktlich um vier am Nachmittag sperrt der Sheriff die Mainstreet. Tag für Tag das gleiche Schauspiel: Cowboys treiben gemächlich ein Dutzend Longhornrinder die Straße entlang. Kühe und Boys sind Statisten für die Touristen, die den Wilden Westen suchen.


 
 
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