Der Name des amerikanischen Bundesstaates ruft weder stimmige Bilder hervor noch abgegriffene Klischees. North Dakota ist ein weißer Fleck auf der Landkarte im Kopf. Es existiert nur selten im Bewusstsein von Amerika-Besuchern, die entlang der klassischen Touristen-Routen das Land bereisen. Dabei gibt es auch hier viel zu entdecken. Zum Beispiel die Spuren von geschichtsträchtigen Persönlichkeiten, deren Wege nach oder durch North Dakota führten. Die Weite der Prärie. Oder Büffelherden vor den schroffen Felsformationen im Theodore-Roosevelt-Nationalpark.
Es gibt Menschen, die werden durch Misserfolge berühmt. General George Armstrong Custer ist einer von ihnen. Der Nachkomme deutscher Einwanderer starb 1876 in der Schlacht gegen die Sioux-Indianer am Little Big Horn, die in der Historie zur größten Niederlage der amerikanischen Armee gegen die Indianer werden sollte. 36 Jahre alt war Custer, als er in die Geschichte einging. Ähnlich berühmt sind seine damaligen Kriegsgegner geworden, die Häuptlinge Sitting Bull und Crazy Horse. Ein Ort, der die Erinnerung an den Befehlshaber am Leben erhält, ist das Fort Abraham Lincoln unweit von Mandan. Touristenführer Al Johnson taucht ein ins Jahr 1875. Er trägt die blaue Uniform des 7. Kavallerieregimentes mit Stiefeln und Sporen und führt durch das feudale Anwesen, in dem Custer mit seiner Frau gelebt hat, bevor er seinen Feldzug in den Tod startete. Vom kargen und entbehrungsreichen Soldatenleben ist nichts zu sehen. Gediegene Teppiche liegen auf den Holzdielen, ein mächtiger Esstisch ist mit Porzellan und Silberbesteck gedeckt. Ein Klavier und eine Harfe stehen vis à vis vom offenen Kamin, nebenan findet sich ein Billardtisch. Im Arbeitszimmer des Generals stehen Bücher aus allen Themenbereichen: Onkel Toms Hütte, die Geschichte der Welt in drei Bänden, das Leben von Jesus Christus. Aus einem Sekretär holt Johnson eine Maus hervor, mit der Custer Abend für Abend gespielt haben soll. Damals, als sie beide noch am Leben waren. ,,Er hat sie trainiert. Sie ist immer an seinen Armen rauf und runter gelaufen", erzählt er. ,,Und als sie gestorben ist, hat er sie ausgestopft".Auch in Medora, einem 100-Einwohner-Dorf mit Westernstädtchen-Atmosphäre, wird amerikanische Geschichte lebendig. Nicht nur, weil Sitting Bulls imposanter Federschmuck in der ,,Cowboy Hall of Fame" zu sehen ist. Der spätere Präsident Theodore Roosevelt kam 1883 nach Medora, um Büffel zu jagen. Ein Jahr später kaufte er sich hier die Elkhorn Ranch. Medora, am Eingang des Theodore-Roosevelt-Nationalparks gelegen, zählt zu den beliebtesten Touristenattraktionen des Staates. Wer auf dem 60 Kilometer langen Rundweg durch die Felsenlandschaft des Parks fährt, trifft unweigerlich auf Büffelherden, die gemächlich über die Straße trotten, Wildpferde, die im dichten Gras weiden, und Kolonien von Erdmännchen, die ihre Köpfe aus den Löchern strecken. Am Park entlang führt der ,,Maah Daah Hey Trail", der Mountainbikern auf einer Länge von über 150 Kilometern Technik und Ausdauer abverlangt. Wer nicht an seine physischen Grenzen gehen möchte, schlägt Bälle auf dem ,,Bully Pulpit"-Golfplatz oder schaut sich das Medora-Musical an, das jeden Abend von Anfang Juni bis Anfang September im Burning-Hills-Amphitheater aufgeführt wird.Die Region um Medora ist auch das Zuhause von Ranchern wie Bill Lowman. Er trägt Jeans, abgewetzte, staubige Stiefel, einen Ledergürtel mit großer, silberner Schnalle und den obligatorischen Cowboyhut. Der Mann ist ein Arbeiter. Die Hände sind vernarbt, seine Uhr ist verkratzt. Sein Markenzeichen ist der geschwungene Schnurrbart, den er mit Wachs in Form bringt. ,,Er hält besser, wenn du den Staub von drei Tagen drin hast", sagt er und es klingt, als würde dies häufiger vorkommen. Das Leben der Rancher und Cowboys hat sich mit den Jahren nicht viel verändert, sagt er. ,,Wir treiben die Tiere nach wie vor mit Pferden und lieben Rodeos." Rund 400 Rinder leben auf seiner Ranch, die er gemeinsam mit der Familie bewirtschaftet. Sein Land soll einen Wert von mehreren Millionen Dollar haben. Ein Verkauf kommt dennoch nicht in Frage. ,,Wir sterben reich. Aber nur auf dem Papier. Ich weiß nicht, ob ich genug Geld hätte, um mir ein Auto zu kaufen."North Dakota
North Dakota: Der US-Bundesstaat liegt abseits der klassischen Touristenrouten, birgt aber noch viele Erinnerungen an den Wilden Westen
North Dakota ist reich an Weide- und Farmland. Das Grasland breitet sich meilenweit aus. Die Prärie erhebt sich in sanften Hügeln, kreiert ein Farbenmeer aus grün-gelb, mit dessen Schattierungen der immerwährende Wind zu spielen scheint. Menschen sind so selten zu sehen wie Bäume, dafür Populationen aus Heuballen und verstreute Farmen mit silbernen Getreidesilos. Mitten im Nirgendwo südlich von Dickinson schuf Garry Greff den ,,verzauberten (Enchanted) Highway", um Besucher in seine Heimatstadt zu locken. Metall-Skulpturen aus dem Schrott der Ölindustrie säumen die Straße: Präsident Roosevelt auf einem Pferd, Fasane, die über ein Gatter springen oder eine Blechbüchsen-Familie. Seine weithin sichtbaren ,,Fliegenden Gänse", 30 Meter hoch und 75 Tonnen schwer, gelten als größte Schrott-Skulptur der Welt und brachten den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Die Uhren gehen langsamer in North Dakota. Und die Menschen, die hier leben, mögen das. ,,Schreib' nicht so gut über uns, wir wollen nicht von Touristen überlaufen werden", sagt Terry Harzinski, Tourismusdirektor von Bismarck und Mandan, und lacht. Die Gefahr besteht zumindest in den späten Herbst- und Wintermonaten nicht, wenn die Temperaturen im zweistelligen Minusbereich versinken. Aus den Motorhauben der Autos lugen ganzjährig Stecker, die an eine Heizung angeschlossen werden können, um den Motor in Schwung zu bringen. Die Hauptstadt Bismarck präsentiert sich als amerikanische Kleinstadt-Idylle, sauber und ordentlich wie frisch nach dem Frühjahrsputz. Das gepflegte Golfplatz-Grün in den Vorgärten steht stramm wie der Bürstenschnitt eines amerikanischen Soldaten. Wer seinen Rasen nicht mäht, muss Strafe zahlen.,,Früher", erzählt Fred Walker vom Tourismusbüro des Staates, ,,war es nicht so friedlich hier. Schießereien und Messerstechereien waren an der Tagesordnung." Kein Wunder. North Dakota liegt im klassischen wilden Westen, war und ist die Heimat von Cowboys und Indianern. Wer Sakakawea bisher nur als Figur aus der Kino-Komödie ,,Nachts im Museum" kannte, kann sich in Bismarck im Geschichtsmuseum oder im Lewis-und-Clark-Informationszentrum in Washburn auf eine reale Entdeckungsreise begeben. Die Indianerin hat als Dolmetscherin einen großen Beitrag zum Erfolg der Lewis-und-Clark-Expedition geleistet, die Anfang des 19. Jahrhunderts im Auftrag von Präsident Thomas Jefferson den amerikanischen Westen bis zur Pazifikküste erforschte und dabei über 12.500 Kilometer zurücklegte. Heute wird nicht mehr geschossen. North Dakota wirbt damit, der sicherste und freundlichste Bundesstaat im Land zu sein. Die Cowboys treffen sich hier bei Rodeos, die Indianer kommen zum Pow Wow zusammen. Das kulturelle Festival mit über 1500 indianischen Tänzern, Sängern und Trommlern findet immer am 2. Wochenende im September in Bismarck statt. Besucher sind willkommen.
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