03. Juli 2009 | Jürgen Diesner
Kuba
Havanna ist halb verfallen und halb saniert – Zum Jahrestag der Revolution vermarktet das Land seine Geschichte

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Revolutionsdenkmal: Mausoleum für Che Guevara in der kubanischen Stadt Santa Clara. Fotos: Jürgen Diesner
Bis an den Hals im Swimmingpool eingetaucht – so lässt sich der 30 Grad heiße Tag im Hotel Comodoro in Havanna angenehm verbringen. Das geräumige Hotel aus dem Jahr 19
52 hat einen recht ungepflegt wirkenden großen Meerwasserpool von ausgesprochenem Betoncharme und einen sehr gepflegt aussehenden Bungalow-Annex aus den neunziger Jahren, in dem es gleich mehrere einladende Swimmingpools mit einer Strandbar gibt.
Es ist der letzte Tag einer einwöchigen Journalistenreise nach Kuba. Auch dieses Jahr zieht es wieder viele deutsche Touristen nach Kuba, der größten Karibikinsel, aber Kuba hätte gerne entschieden mehr: Denn der Tourismus ist ein bedeutender Devisenbringer.
Und Kuba entdeckt die Geschichte des Landes neu, möchte sie besser vermarkten, bringt seine Vorzüge in Stellung gegen die Konkurrenten in der Karibik: Die Touristen sollen nicht allein von „playa y sol“ angezogen werden, von traumhaften kilometerlangen Sandstränden und tropischen Temperaturen, sondern auch das Innere des Landes erkunden.
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Sonne: Kilometerlang sind die Sandstrände in Varadero.
Bei der Fitcuba 2009, der diesjährigen Tourismusmesse in Havanna wurden die historischen Orte genannt. Neben Havanna, das 1519 von den Spaniern gegründet wurde, beispielsweise Trinidad, das 1514 gegründet wurde, und Santiago de Cuba (1515). Über zwei Millionen Touristen waren insgesamt letztes Jahr in Kuba, 100.000 kamen aus Deutschland. Elf Millionen Kubaner gibt es auf der Insel, zwei Millionen davon in Havanna.
Neun Journalisten aus Deutschland und Österreich wurde auf Einladung von Mintur, dem kubanischen Ministerium für Tourismus, das Land gezeigt. Das heißt, sie wurden in Gesellschaft von 200 Reisejournalisten aus aller Welt in fünf Bussen in einer Woche mit einem straffen Programm quer über die Insel gekarrt. Im Gedächtnis bleiben dem Mitteleuropäer höchst angenehm die freundliche Art aller Kubaner, die einem begegneten, deren offenkundige Lebensfreude, die Strände, die keineswegs überlaufen wirken, die brennende Sonne.
Und die Einreiseformalitäten, bei denen man aufmerksam einer Kamera ins Objektiv starren muss, weil die Grenzpolizistin vermutlich das biometrische Passfoto äußerst aufmerksam mit dem tatsächlichen Gesicht abgleicht: Big Brother is watching you. Andererseits: Anderthalb Stunden in der Schlange vor der Passkontrolle hat man auch schon auf Moskauer Flughäfen und in New York erlebt.
Die einzige sozialistische Volksrepublik in der Neuen Welt feiert in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Bestehen. 50 Jahre Revolution: Die pathetischen Slogans auf den übergroßen Plakaten überall in Kuba sind nicht zu übersehen. Patria o muerte – das Vaterland oder der Tod. Venceremos – wir werden siegen.
Alle Welt blickt jetzt auf Kuba: Der zurückgetretene Fidel Castro ist 82 und krank, sein Bruder Raúl Castro, der seine Nachfolge angetreten hat, 77 – was kommt nach ihnen? Havanna erscheint typisch für Kuba: Die einen Häuser an der Uferstraße, dem Malecon, zerfallen noch, die andern werden schon saniert. Das gilt für ganz Havanna: Es gibt Villengegenden mit wunderschönen Gärten und prächtigen Häusern – und ganze Stadtviertel, die äußerst marode sind.
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Revolutionäre Parolen: Plakat im Hotel Comodoro in Havanna während der Tourismus-Messe.
Die Kubaner, mit denen man ins Gespräch kommt, äußern sich vorsichtig, aber sie sprechen: Was wird nach den Brüdern Castro
werden? So monolithisch, wie die Castros vermutlich gerne Kuba hätten, ist Kuba nicht. Und so labil, wie die USA das Land vermutlich ebenso gerne hätten, auch nicht.
Kuba leidet unter dem umfassenden Wirtschaftsboykott der USA, das diese verhängt hatten wegen der entschädigungslosen Enteignung amerikanischer Firmen in Kuba, muss jeden Monat Nahrungsmittel für Millionen Dollars importieren, kämpft deswegen um jeden Touristen, der in den internationalen Hotels von diesen Problemen wenig mitbekommt: Die Büfetts sind nach wie vor reich bestückt.Die meisten Kubaner, mit denen man sich des eigenen schlechten Spanisch wegen nur mühsam auf Englisch verständigen kann, zeigen sich wenig politisch interessiert. Ihre wirtschaftliche Zukunft liegt ihnen mehr am Herzen.
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Kubas Reize erschließen sich erst, wenn man die Strandresorts bei Varadero hinter sich lässt.
Es gibt natürlich auch die politischen Funktionäre, borniert und dogmatisch. Sie sind so, wie Fidel Castros Propaganda es auf den Tafeln suggeriert: „Queremos sean como el Che“ – Wir wollen werden wie Che. Der nicht nur ein Revolutionär war, sondern auch ein verstiegener Dogmatiker, der sich vorstellte, dass der kommunistische Mensch ein „neuer Mensch“ sein werde, der sich mehr der Allgemeinheit verpflichtet fühlen werde als sich selbst oder seiner Familie.
Zwei Namen beherrschen Kuba – José Martí und El Che. Martí, der kubanische Freiheitskämpfer im Kampf gegen die Spanier, der 1895 gefallen war, als er auf einem weißen Gaul im schwarzen Smoking eine Kavallerieattacke anführte, und Che Guevara, der in Bolivien 1967 seinen Tod fand, als er dorthin die kubanische Revolution vergeblich exportieren wollte. Che Guevaras Porträt schmückt überlebensgroß das Innenministerium in Havanna. Die Brüder Castro sind überraschend wenig präsent im Straßenbild: Sie sind dafür zu klug.
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Spuren des Verfalls sieht man in allen kubanischen Städten.
Auch der bizarr als Alt-Revoluzzer ausstaffierte alte Herr mit dem kommunistischen Stern am Barett, dem wallenden Bart und der Havanna-Zigarre zwischen den Zähnen, der auf den Plätzen der Stadt vor den Augen der Touristen fortwährend mit beiden Händen das V-Siegeszeichen macht, wird nicht nur geduldet, sondern sogar offiziell gefördert: eine Karikatur der Revolution.
Revolutionäre pflegen ja sonst ausgesprochen humorlos zu sein. Aber die kubanische Revolution ist schließlich mittlerweile ein halbes Jahrhundert alt. Der bizarre Revolutionsopa und die in wilde Farben gewandeten älteren Damen, die sich bereitwillig den Kameras der Touristen stellen, stehen sozusagen auf der Lohnliste des Staates: 80 Pesos kostet jeden von ihnen pauschal die staatliche Erlaubnis pro Monat.
Denn die Touristen stecken den Fotomotiven Pesos zu, die gegen Devisen eintauschbaren. Die nicht konvertierbaren Pesos, mit denen die Einheimischen die hoch subventionierten Nahrungsmittel und die öffentlichen Verkehrsmittel bezahlen, sind dagegen nichts wert.
Kuba ist eine abwechslungsreiche grüne Insel in der Karibik. Natürlich fliegen die meisten der Europäer zu dieser Insel, weil sie Strand, Sonne und Unterhaltung suchen – und den Kitzel, ein bisschen besonnten Kommunismus kennenzulernen. Dafür nehmen sie den anstrengenden Transatlantikflug von zehneinhalb Stunden in Kauf.
Natürlich bietet Kuba mehr für den, der Augen hat für die Natur, zum Beispiel für die in der Tat sehr königlich aufragende Königspalme, die das Gesicht der Landschaft bestimmt. Und für den, der Sinn hat für die spanische Kolonialarchitektur und für die Revolutionsgeschichte der Castros.
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Salsa: Rentnerbands finden sich nicht nur in Havanna oder Cienfuegos, sondern überall in Kuba.
Der Tourist kann die Jacht sehen, mit der die Revolutionäre 1956 von Mexiko kommend Kuba ansteuerten, und in Santa Clara den aufgebahrten Bulldozer, mit dem Che Guevara Ende 1958 die Gleise demolierte, auf denen der Panzerzug des Diktators Batista aus Havanna aus Santa Clara zurückdampfen wollte. Der Zug entgleiste, und damit war der Sieg der Revolutionäre gesichert. Am nächsten Tag floh Batista in die Dominikanische Republik.
In Santa Clara steht denn auch das Grabmal von El Che, in dem er mit einigen Genossen beigesetzt worden ist. Man sollte dort aufmerksam hinsehen: Das Monument von El Che mitsamt der Eierhandgranate an der Hüfte, davor der Slogan „Wir wollen werden wie El Che“ – und daneben die Wirklichkeit des realsozialistischen Alltags, die Blechhütten, weiter entfernt die hässlichen Plattenbauten, in denen die Kubaner die „neuen Menschen“ werden sollten, von denen Che Guevara träumte.
So sehr, wie man dies von vielen Filmen in Erinnerung hat, wird das Straßenbild in Kuba inzwischen nicht mehr von den amerikanischen Straßenkreuzern der fünfziger Jahre dominiert. Man sieht sie noch hier und da, aber im Verkehr von Havanna gibt es weit mehr moderne Kia, Honda und Peugeot zu sehen.
Pressefreiheit gibt es nach wie vor nicht in Kuba, Journalisten, die auf der schwarzen Liste stehen, weil sich die Zeitungen, für die sie schreiben, missliebig gemacht haben, wird das Journalistenvisum verweigert, aber der gewöhnliche Tourist wird nicht hochnotpeinlich auf unerwünschtes Schrifttum gefilzt wie seinerzeit in der DDR.
Die Sicherheit für den Touristen ist wie in allen Polizeistaaten hoch – im Gegensatz beispielsweise zur benachbarten Dominikanischen Republik. Und die Kubaner, denen bislang der Zutritt zu den internationalen Hotels verboten war, dürfen dort inzwischen ebenfalls Gast sein – wenn sie die nötigen konvertierbaren Pesos haben. Als die internationalen Journalisten im Hotel Comodoro in Havanna nach und nach abrückten, rückten sofort die Kubaner am Swimmingpool und in der Bar nach.
Auskünfte
Alle großen deutschen Pauschalreiseveranstalter haben Touren durch Kuba im Programm.
Das deutschsprachige Internetportal www.cubaradiso.com bietet ein großes Angebot an Privatunterkünften auf der gesamten Insel.
Weitere Auskünfte erteilt das Kubanische Fremdenverkehrsamt, Kaiserstraße 8, 60311 Frankfurt, Telefon 069288322/23, Internet www.cubainfo.de
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