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07. August 2010  | Von Daniel Baczyk

Auf den Spuren deutscher Einwanderer in New York

New York: Deutsche Einwanderer haben die amerikanische Metropole geprägt, doch ihre Spuren sind heute fast verschwunden

 
| Vergrößern | Das gelobte Land: So begrüßt New York die Ankömmlinge auf der Seeseite. In den Durchgangsstationen auf Ellis Island, unweit der Freiheitsstatue gelegen, war die Lage für die Einwanderer eher deprimierend. Fotos: Daniel Baczyk


Eine richtig glückliche amerikanische Familiengeschichte ist nicht daraus geworden. Im Dezember 1895 heiratete der New Yorker Joseph Schayer, Sohn eines aus Bayern eingewanderten Bäckers, die achtzehnjährige irische Immigrantin Annie Moore: eine interkulturelle Verbindung, nicht ganz typisch selbst in der wimmelnden Metropole. Zumeist suchten frisch eingetroffene Einwanderer zunächst die Nähe ihrer eigenen früheren Landsleute in national geprägten Stadtbezirken. Immerhin waren beide Ehepartner katholisch.
Das Paar lebte in der Lower East Side in Manhattan unweit der väterlichen Bäckerei. Annie Schayer brachte elf Kinder zur Welt. Sechs von ihnen starben noch vor dem dritten Geburtstag. Nur eine Tochter überlebte ihren Vater, der bis zu seinem Tod 1960 als ungebrochen frohgestimmter älterer Herr dem Stadtteil treu blieb.

Da war Joseph Schayer schon 36 Jahre Witwer. Annie starb 1924, 47 Jahre alt und stark übergewichtig, an Herzversagen.

Warum spielt die deutsch-irische Familie eine kleine Rolle in der Geschichte der USA? Weil Annie Moore am 1. Januar 1892 von staatlichen Würdenträgern frisch vom Dampfer weg als erste Immigrantin begrüßt worden war, die in der neu eingerichteten Einwanderungsstation Ellis Island in Empfang genommen wurde. Auf dem Inselchen im Hafen von New York stand den Neuankömmlingen ein Parcours durch bürokratische und medizinische Instanzen bevor, den nach Annie Moore noch mehr als zwölf Millionen weitere angehende Amerikaner absolvieren sollten.

Die damals Fünfzehnjährige - sie war mit zwei jüngeren Brüdern aus dem irischen Cork ihren bereits in New York lebenden Eltern nachgereist - wird kaum gewusst haben, wie ihr geschah, als sie auf Ellis Island solche Aufmerksamkeit empfing, von einem katholischen Pfarrer gesegnet wurde und vom Leiter der Station eine Goldmünze geschenkt bekam.

Das Empfangsgebäude auf Ellis Island fungierte bis 1924 als berühmtester Zugangsweg in die Vereinigten Staaten. Nach Jahrzehnten des Verfalls wurde die Station in den 1980er Jahren restauriert und als Einwanderungsmuseum hergerichtet.
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Deutsches Relikt in New York: Die Viermastbark Peking, erbaut in Hamburg 1911, liegt heute im South Street Seaport am East River vor Anker. Foto: Daniel Baczyk

Fotos, Unterlagen und Erinnerungsstücke dokumentieren eine vergangene Epoche, in der massenhafte Zuwanderung aus aller Welt als Glücksfall für eine aufstrebende Nation betrachtet wurde. Die willkommenen Neubürger konnten nach wenigen Stunden Aufnahmeprozedur mit der Fährüberfahrt nach Manhattan ihr Leben in der Neuen Welt beginnen.

Die meisten Einwanderer verließen New York binnen Stunden oder Tagen und verteilten sich über die Weite Amerikas. Doch manche blieben. Davon zeugen bis heute Stadtteile wie Chinatown oder Little Italy. Kaum überraschend, dass es auch ein Little Germany gab. Immerhin waren die Deutschen im 19. Jahrhundert die größte Einwanderergruppe in den Vereinigten Staaten überhaupt. Heute ist ,,german" die mit Abstand meistgenannte Herkunft, wenn man Amerikaner nach ihren familiären Wurzeln fragt. Erstaunlich ist viel eher, wie wenig von diesem Erbe heute noch wahrnehmbar ist in der Metropole, die stets ein Schmelztiegel der Kulturen blieb.

Zum Zeitpunkt der Eröffnung von Ellis Island hatte die Zuwanderung von Deutschen in die USA bereits ihren Höhepunkt überschritten. Vor allem um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren viele Millionen gekommen.

Zehntausende davon blieben in New York. Die meisten sammelten sich in einem Bezirk der Lower East Side rund um den heutigen Tompkins Square Park, damals als ,,Weißer Garten" das Herz von Little Germany oder Kleindeutschland.

,,Hier gab es Brauereien und Biergärten, deutsche Bäckereien, deutsche Schulen, deutsche Kirchen und deutsche Synagogen", erzählt Kerstin Goldson. ,,Hier konnte man problemlos leben, ohne ein Wort englisch zu sprechen." Für die Agentur ,,Insight Seeing" bietet die Deutsche, die seit Jahren in New York lebt, geführte Rundgänge zu bestimmten Themen durch die Metropole an.

Über die Geschichte der Deutschen in New York kann man nicht sprechen ohne Baron Friedrich Wilhelm von Steuben zu erwähnen, den Preußengeneral, der im Unabhängigkeitskrieg die US-Armee auf Vordermann brachte und zu entscheidenden Siegen über die Engländer führte. Noch heute wird er in New York mit der jährlichen Steubenparade gefeiert. Kerstin Goldson nennt auch Carl Schurz, Senator und zeitweilig US-Innenminister, die Zeitungsgründerin Anna Ottendorfer und andere.

Am St. Mark's Place macht Goldson auf ein Haus aufmerksam, das einst der Deutsch-Amerikanischen Schützengesellschaft gehörte. ,,Einigkeit macht stark" ist in die Fassade gemeißelt. Das war es dann aber auch schon fast mit den baulichen Erinnerungen an Little Germany.

Dass sich die über Jahrzehnte gewachsene Gemeinde von Little Germany im frühen 20. Jahrhundert binnen kürzester Zeit auflöste und in alle Winde verstreute, ist ein unerhörter und rätselhafter Vorgang. Sichtbarer Auslöser war eine der größten Katastrophen der Geschichte New Yorks.

Am 15. Juni 1904 charterte die lutherische St. Markus-Kirche aus Little Germany für ihren jährlichen Gemeindeausflug den Raddampfer ,,General Slocum". Knapp 1400 deutschstämmige New Yorker gingen an Bord - zum größten Teil Frauen und Kinder. Wenige Minuten nach dem Ablegen brach im Laderaum Feuer aus. Rasch schlugen die Flammen bis aufs Oberdeck. Unter den Passagieren, von denen die wenigsten schwimmen konnten, brach Panik aus. Wegen völlig unzureichender Brandschutz- und Rettungseinrichtungen sowie einer inkompetenten Schiffsführung überlebte nur ein kleiner Teil der Ausflügler das Desaster. 1021 Menschen starben.

Die Brandkatastrophe war ein Schock, von dem sich die deutsche Gemeinde nie erholen sollten. Fast jede Familie hatte Tote zu beklagen. Dutzende Hinterbliebene suchten den Freitod. Tausende zogen weg - ein Exodus, der unter anderem wegen sozialen Aufstiegs schon vorher begonnen hatte, wurde zur Massenbewegung.

Der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg gegen das Deutsche Kaiserreich sorgte 1917 endgültig dafür, dass die Mehrzahl der Deutschstämmigen ihre Wurzeln kappten und sich fortan voll und ganz als Amerikaner fühlten.

Unübersehbar ist in New York bis heute das weltweit bekannteste Werk eines deutschen Auswanderers: Die Brooklyn Bridge, eine atemberaubende Konstruktion des gebürtigen Thüringers Johann August Röbling, zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung 1883 die mit Abstand größte Hängebrücke der Welt.

Röbling selbst wurde bei einem Unfall während der Bauarbeiten tödlich verletzt. Sein Sohn Washington setzte die Arbeit fort, erkrankte aber beim Setzen der Pfeilerfundamente im East River so schwer, dass seine Frau Emily die Bauleitung übernahm und das Projekt nach 14 Jahren vollendete. So behält New York doch noch einen markanten deutschen Stempel.

Nach New York mit Singapore Airlines:

Zeitlich attraktive Flugverbindungen nach New York (JFK-Airport) ab Frankfurt bietet Singapore Airlines an: Start um 8.30 Uhr, Ankunft am Vormittag um 10.55 Uhr Ortszeit. Auch den Rückflugtag (Abflug 21.25 Uhr) kann man noch gut nutzen. Flugpreise bis 16. August ab 831 Euro, von 17. August bis 13. Oktober ab 511 Euro (Businessclass ab 2291 Euro). Die Bordkarte der Fluggesellschaft eröffnet in New York diverse Vergünstigungen bei touristischen Angeboten. Auskünfte und Buchungen über Telefon 069 7195200, Internet www.singaporeair.de. Walking Tours durch New York: www.insightseeing.com.


 
 
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