Ob Marathonläufer wohl einen Blick für die landschaftlichen Reize der Region haben, in der sie die Distanz bewältigen? Wer einfach nur in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Kilometer laufen will, wird sich wohl kaum für neue städtische Attraktionen oder antike Säulen und Tempel begeistern, die am Rande der Strecke stehen. Um so mehr verwundert es, dass viele Freizeitsportler sich nicht mit regionalen Laufevents begnügen, sondern in die Ferne streben. Gemessen an der Vielzahl exotischer Angebote löst selbst die Teilnahme am New-York-Marathon bei den Experten der Szene nur noch ein müdes Lächeln aus. Wer etwas auf sich hält, bucht zum Beispiel die Teilnahme beim Penang Bridge Marathon in Kuala Lumpur, beim Gran Maratón del Pacifico in Mexiko, beim Barbados Run oder beim Lake Kawaguchi Marathon in Japan. Oder beim „Egyptian Marathon“ in Luxor, der am 27. Januar 2012 zum neunzehnten Mal veranstaltet wird.Auch wenn man beim Laufen wenig Muße für die Betrachtung der antiken Kultstätten findet. hat doch die Atmosphäre in der Umgebung Luxors einen besonderen Reiz. Start und Ziel ist vor dem gigantischen Tempel der Hatschepsut, einem der am besten erhaltenen Bauwerke des antiken Theben. Wenige Kilometer weiter befindet sich das Tal der Könige mit den in den Fels gemeißelten Grabkammern von Ramses I., Rames II., Tutanchamun und anderen altägyptischen Herrschern. Passend zu dieser Umgebung erscheinen auch manche Teilnehmer des Laufes im Pharao-Kostüm. Nicht jedem geht es hier nur um Höchstleistung, auch ein wenig Show ist angesagt. Viele kennen sich schon von anderen Laufevents irgendwo in der Welt.
Der 19. Egyptian Marathon in Luxor wird am 27. Januar veranstaltet. In der Startgebühr von 70 Euro sind Papyrus-Urkunde, Medaille und die Teilnahme am Galadinner inkludiert. Weitere Informationen unter www.egyptianmarathon.com.
Allgemeine Auskünfte über Reisen nach Ägypten erteilt das Ägyptische Fremdenverkehrsamt in Frankfurt, Telefon 069 9551340, Internet www.egypt.travel.
Im vergangenen Januar wurde der „Egyptian Marathon“ von den politischen Ereignissen im Lande in den Hintergrund gedrängt. Dabei zeigte sich, wie banal ein Sportereignis plötzlich werden kann. Auf der einen Seite gut situierte Westeuropäer, US-Amerikaner und Japaner, die ihren Spaß daran haben, vor exotischer Kulisse ihre körperlichen Grenzen auszuloten, auf der anderen Seite verarmte und rechtlose Ägypter, die für ein menschenwürdiges Leben kämpfen. Während die Lauftouristen durch die Wüste rannten, wurde auf den Straßen von Kairo gekämpft, und auch im Stadtzentrum von Luxor gab es Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime. „Heute war ein historischer Tag. Ich war dabei. Ich bin aber Marathon gelaufen“, bemerkte einer der deutschen Läufer sarkastisch.
Derzeit ist noch ist unsicher, ob in Ägypten auf Dauer halbwegs demokratische Verhältnisse einkehren. Der „Egyptian Marathon“ soll aber auf jeden Fall ein Zeichen dafür setzen, dass es mit dem Tourismus wieder aufwärts geht.
Gerd Engel, der von Läuferkollegen in ironischer Übertreibung als „Godfather of Marathon” bezeichnet wird, hat schon zahlreiche Laufevents organisiert, auch beim „Egyptian Marathon“ ist der Mann aus Stendhal seit vielen Jahren als Technischer Leiter aktiv. „Das ist in Luxor immer wieder begeisternd”, sagt er. „Hier ist so ein Fluidum, das man sonst nirgendwo findet“. Begonnen wurde 1994 in Kairo, seit 1995 ist das Laufevent alljährlich in Luxor. „Die Gleichmut und Gelassenheit der Ägypter mit dem deutschen Ordnungssinn und der deutschen Disziplin zu vereinbaren, war schon etwas schwierig“, erzählt Engel. Besonders bewundert er die einheimischen Frauen, die trotz restriktiver islamischer Kleiderordnung an den Start gehen: „Bei einem Marathon ist eine Ägypterin mal in glühender Hitze in voller Montur gelaufen und hat das durchgestanden.“



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