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16. Dezember 2011  | Von Norbert Bartnik

Wettlauf bei den Pharaonen in Ägypten

Ägypten – Beim „Egyptian Marathon“ in Luxor sind Freizeitsportler aus aller Welt unterwegs – Start und Ziel vor dem Tempel der Hatschepsut

 
| Vergrößern | Dabei sein ist alles: Einige Teilnehmer beim „Egyptian Marathon“ präsentieren sich in bunten Kostümen. Fotos: Norbert Bartnik

Ob Marathonläufer wohl einen Blick für die landschaftlichen Reize der Region haben, in der sie die Distanz bewältigen? Wer einfach nur in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Kilometer laufen will, wird sich wohl kaum für neue städtische Attraktionen oder antike Säulen und Tempel begeistern, die am Rande der Strecke stehen. Um so mehr verwundert es, dass viele Freizeitsportler sich nicht mit regionalen Laufevents begnügen, sondern in die Ferne streben. Gemessen an der Vielzahl exotischer Angebote löst selbst die Teilnahme am New-York-Marathon bei den Experten der Szene nur noch ein müdes Lächeln aus. Wer etwas auf sich hält, bucht zum Beispiel die Teilnahme beim Penang Bridge Marathon in Kuala Lumpur, beim Gran Maratón del Pacifico in Mexiko, beim Barbados Run oder beim Lake Kawaguchi Marathon in Japan. Oder beim „Egyptian Marathon“ in Luxor, der am 27. Januar 2012 zum neunzehnten Mal veranstaltet wird.Auch wenn man beim Laufen wenig Muße für die Betrachtung der antiken Kultstätten findet. hat doch die Atmosphäre in der Umgebung Luxors einen besonderen Reiz. Start und Ziel ist vor dem gigantischen Tempel der Hatschepsut, einem der am besten erhaltenen Bauwerke des antiken Theben. Wenige Kilometer weiter befindet sich das Tal der Könige mit den in den Fels gemeißelten Grabkammern von Ramses I., Rames II., Tutanchamun und anderen altägyptischen Herrschern. Passend zu dieser Umgebung erscheinen auch manche Teilnehmer des Laufes im Pharao-Kostüm. Nicht jedem geht es hier nur um Höchstleistung, auch ein wenig Show ist angesagt. Viele kennen sich schon von anderen Laufevents irgendwo in der Welt.

Der Weg zum Marathon

Der 19. Egyptian Marathon in Luxor wird am 27. Januar veranstaltet. In der Startgebühr von 70 Euro sind Papyrus-Urkunde, Medaille und die Teilnahme am Galadinner inkludiert. Weitere Informationen unter www.egyptianmarathon.com.
Allgemeine Auskünfte über Reisen nach Ägypten erteilt das Ägyptische Fremdenverkehrsamt in Frankfurt, Telefon 069 9551340, Internet www.egypt.travel.


Im vergangenen Januar wurde der „Egyptian Marathon“ von den politischen Ereignissen im Lande in den Hintergrund gedrängt. Dabei zeigte sich, wie banal ein Sportereignis plötzlich werden kann. Auf der einen Seite gut situierte Westeuropäer, US-Amerikaner und Japaner, die ihren Spaß daran haben, vor exotischer Kulisse ihre körperlichen Grenzen auszuloten, auf der anderen Seite verarmte und rechtlose Ägypter, die für ein menschenwürdiges Leben kämpfen. Während die Lauftouristen durch die Wüste rannten, wurde auf den Straßen von Kairo gekämpft, und auch im Stadtzentrum von Luxor gab es Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime. „Heute war ein historischer Tag. Ich war dabei. Ich bin aber Marathon gelaufen“, bemerkte einer der deutschen Läufer sarkastisch.
Derzeit ist noch ist unsicher, ob in Ägypten auf Dauer halbwegs demokratische Verhältnisse einkehren. Der „Egyptian Marathon“ soll aber auf jeden Fall ein Zeichen dafür setzen, dass es mit dem Tourismus wieder aufwärts geht.
Gerd Engel, der von Läuferkollegen in ironischer Übertreibung als „Godfather of Marathon” bezeichnet wird, hat schon zahlreiche Laufevents organisiert, auch beim „Egyptian Marathon“ ist der Mann aus Stendhal seit vielen Jahren als Technischer Leiter aktiv. „Das ist in Luxor immer wieder begeisternd”, sagt er. „Hier ist so ein Fluidum, das man sonst nirgendwo findet“. Begonnen wurde 1994 in Kairo, seit 1995 ist das Laufevent alljährlich in Luxor. „Die Gleichmut und Gelassenheit der Ägypter mit dem deutschen Ordnungssinn und der deutschen Disziplin zu vereinbaren, war schon etwas schwierig“, erzählt Engel. Besonders bewundert er die einheimischen Frauen, die trotz restriktiver islamischer Kleiderordnung an den Start gehen: „Bei einem Marathon ist eine Ägypterin mal in glühender Hitze in voller Montur gelaufen und hat das durchgestanden.“
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Musikalische Begleitung beim „Breakfast Run“ am Nilufer von Luxor. Der kurze Lauf wird zur Einstimmung jeweils am Tag vor den Marathonwettbewerben veranstaltet. Foto: Norbert Bartnik
Für die Finanzierung sorgte in den vergangenen Jahren der ägyptische Geschäftsmann Gasser Riad, der allerdings betont, dass es nicht so einfach sei, genügend Geldgeber für eine Laufveranstaltung zu finden: „In Ägypten kennt man eigentlich nur einen Sport, und das ist Fußball. Für einen Marathon gibt es nur wenig Sponsoren.” Er träumt davon, dass die Veranstaltung in Luxor einmal so viele Läufer anlockt wie der Berlin-Marathon: „Ich weiß nicht, ob ich das noch erlebe. Es ist einfach eine Frage des Geldes.“
Bei Temperaturen von 30 bis 40 Grad Celsius verlangt der Wüstenkurs den Teilnehmern einiges ab. Um die Atmosphäre zu genießen, muss man aber nicht unbedingt über die volle Distanz gehen. Genauso wie bei ähnlichen Veranstaltungen überall in der Welt stehen in Luxor neben dem Marathon auch kürzere Strecken auf dem Programm, darunter ein als „Luxor-Run“ bezeichneter Halbmarathon und ein Zwölf-Kilometer-Lauf mit dem schönen Namen „Ramses-Run“. Außerdem sind auch Skater und Walker auf dem Rundkurs unterwegs.
Als spaßigen Einstieg gibt es jeweils am Tag vor dem Marathon den sogenannten „Breakfast Run” in Luxor. Auf der fünf Kilometer langen Route am Nilufer geht es gemächlich zur Sache, während Musikgruppen am Straßenrand für die Klangkulisse sorgen. Und hier finden dann auch Läufer der harten Schule einmal die Muße, einen Blick auf die mächtigen Säulen und Statuen des Luxor-Tempels zu werfen.


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Grafik: Oliver Scigala
Vor und nach dem Marathon stehen die üblichen Besichtigungen auf dem Programm: Tal der Könige, Tempel von Karnak und die Hotelbauten aus der Frühzeit des Tourismus. Im „Old Winter Palace“, in dem Agatha Christie ihren Roman „Tod auf dem Nil“ schrieb, herrscht noch die urbritische Atmosphäre der zwanziger Jahre. „Wir haben regelmäßig Läufer unter unseren Gästen”, erzählt Hoteldirektor Christian Ruge, „darunter auch viele ältere. Viele Leute fangen ja erst an, sich für das Laufen zu interessieren, wenn sie mindestens 50 sind.” Im „Maritim Jolie Ville“ auf einer Nilinsel war im vergangenen Januar das große Galadinner mit Siegerehrung und folkloristischen Darbietungen.
Für die Härtesten der Harten ist das alles nur Kinderei. Sie gehen lieber im November beim „Pharaonic Race“ in Kairo an den Start. Der 100-Kilometer-Kurs führt an den Pyramiden vorbei und erinnert an altägyptische Lauftraditionen. „Ein ägyptischer Forscher hat im Jahre 1977 eine antike Stele entdeckt, auf der ein 100-Kilometer-Lauf beschrieben wird“, erzählt Gasser Riad. Pharao Taharqa, der das Land von 690 bis 665 vor Christus regierte, wollte damit die Fitness seiner Soldaten fördern und lief auch selbst ein Stück mit. Ein Beweis dafür, dass die alten Ägypter den alten Griechen, die es mit der Marathon-Distanz bewenden ließen, weit voraus waren.

 
 
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