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10. Februar 2012  | Von Sabine Richter

Tansania

Reise-Tipp – Verordnetes Saatgut und eine Uran-Mine gefährden Kleinbauern in dem ostafrikanischen Land

 
| Vergrößern | Marke Eigenbau: Lokale Märkte wie dieser auf der Insel Sansibar bieten regionale Produkte an. Foto: Sabine Richter

Moses Kenbimba ist ein ernster Mann, der schwer an seiner Würde trägt. 50 Jahre alt, hat er sich Wohlstand und Ansehen erarbeitet, mit drei Frauen 16 Kinder gezeugt, die im roten Staub herumtollen. Der Vater zweifelt nicht daran, dass viele Nachkommen dem eigenen Leben Sinn geben. Und Sicherheit dazu.
Er bittet seine Gäste unter das Strohdach, unter dem er gewöhnlich die Tabakblätter von seinen Feldern trocknet. Dort nehmen sie auf einer handgeflochtenen Bambusmatte Platz. Plastikstühle oder andere Absonderungen der westlichen Moderne gibt es hier nicht: Alles, was die Familie braucht, hat sie selbst hergestellt. Ein Kind gießt den Gästen Wasser über die Hände, die Frauen reichen einen flachen Korb voll Reis, Spinat und Bohnen aus eigener Herstellung sowie Truthahnfleisch von einem Tier, das vor Stunden noch im Sand scharrte. Jetzt darf der älteste Gast eine Handvoll Reis nehmen, ihn kneten und damit das Gemüse aufschaufeln, um alles zusammen in den Mund zu stecken. Eine klebrige Esserei, aber typisch für viele Gesellschaften in Schwarzafrika. Gastgeber Kenbimba beobachtet die Szene mit unbewegten Augen: Wenn jeder so viel isst, dass der Boden des Korbes sichtbar wird, ist er zufrieden. Mehr Appetit wäre noch besser, weniger ein Affront gegen seine Frauen.
Beim Speisen schweift der Blick über die Felder, wo das Mahl gewachsen ist. Der Tansanier bewirtschaftet 15 Acres (sechs Hektar) Land – das ist viel im Vergleich zu den meisten seiner Kollegen, die auf sechs bis sieben Acres kommen. Liebt er seine Tätigkeit? Diese Frage hat er sich nie gestellt. Für Kenbimba gibt es keine Alternativen; er scheint vielmehr ein Teil der Landschaft zu sein, deren Sand er beim Biss in eine Karotte mitisst. Auf seinen Äckern pflanzt er Maispflanzen neben Tomatenstöcke, Zuckerrohr neben Reis, dazwischen Tabak, während an den Rändern jedes Feldes Maniok-Büsche und Süßkartoffeln stehen. Diese Anbauweise ist gut gegen Schädlinge, das weiß der 50-Jährige besser als viele europäische Kollegen, die auf Monokulturen und Pestizide setzen. Und damit auf Hilfsmittel, die in Tansania gerade erst über staatliche Stellen an die Menschen verbreitet werden.

Forschungsprojekt in Gießen

Mit den Veränderungen im Süden Tansanias beschäftigt sich ein Forschungsprojekt der Justus-Liebig-Universität Gießen unter Leitung von Professor Reimer Gronemeyer. Das Projekt trägt den Titel „Saatgut und Sozialsystem – Ernährungssicherung in ländlichen Entwicklungsgebieten am Beispiel der Oshana Region in Namibia und der Ruvuma Region in Tansania“. Die Laufzeit beträgt zunächst zwei Jahre. Geldgeber ist die Thyssen Stiftung.


Misstöne beeinträchtigen den Gleichklang von Mensch und Natur erst, als die Politik ins Spiel kommt. Kenbimba reißt die Augen auf: „Die machen ein großes Bla-Bla und sonst nichts“, schimpft er kurz und knackig. Hoffentlich hat er recht. Diesmal aber sieht es so aus, als ob der Landbevölkerung in Nantumbo – so heißt diese Region mit ihren 217 000 Einwohnern im Süden Tansanias – wirklich große Veränderungen bevorstünden. Die dort übliche subsistente Lebensweise, also die Fähigkeit, sich selbst zu versorgen, könnte bald vergessen sein.
Der lange Arm des Staates greift nach den Erträgen der Kleinbauern: Sie sollen ihr selbst hergestelltes Saatgut auf den Müll werfen und Hybrid-Saatgut einkaufen, das ein, zwei bessere Ernten bescheren wird. Danach ist seine Keimfähigkeit versiegt, und die Bauern müssen neues kaufen. So wird freilich auch Abhängigkeit erzeugt – denn woher kommt das Saatgut, falls das politische System einmal kippt?
Diese Frage interessiert Estery Mwinuka nicht. Er ist Agrarökonom und arbeitet als District Agricultural Extension Officer in Nantumbo. Dort residiert er in einem Bürogebäude aus der sozialistischen Zeit Tansanias, und sein Wunsch zur Planerfüllung scheint diesem Geist weiter verpflichtet zu sein. „Die Kleinbauern haben vielleicht Wissen, aber keine Ressourcen“, ist er überzeugt. Deshalb gelte es in alter Entwicklungshilfemanier, ihnen neue Produktionsmethoden überzustülpen und Althergebrachtes, Funktionierendes abzuschaffen. Der Agrarökonom schwört nicht nur auf neue Mais-Sorten, die künftig sogar im Hochland zwischen 500 und 1200 Meter wachsen sollen: Er will die Landwirte auch zum Anbau ganz anderer Produkte überreden, etwa zum Tabak. Dieser soll künftig zusammen mit Soja-Bohnen auf mindestens zwei Acres jeder Farm gedeihen und damit den Anbau der Nahrungsmittel um ein Viertel ergänzen. Mit dem Tabak, glaubt der Fachmann, verdienten die Bauern endlich Geld, das sie als Selbstversorger so gut wie nicht gebraucht hatten. Die Moneten sollen den Menschen in Nantumbo Wohlstand bringen. Doch tun sie das wirklich?
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Bei Bauer Isak Muhamed ist die Rechnung nicht aufgegangen; in seinem Gehöft liegt die gesamte Tabak-Ernte aus 2011 auf dem Müllhaufen. Und sein Kollege Akebe Mildi lässt mehrere Tabak-Ballen unter dem Trockendach verschimmeln. Die beiden 25-Jährigen halten frustriert braune, duftende Blätter hoch und klagen: „Plötzlich waren die Tabakpreise auf dem Weltmarkt im Keller, da hat uns keiner mehr etwas abgekauft.“ Dass sie nun plötzlich von so etwas wie einer globalen Börse abhängig geworden waren – das hatten sie nicht geahnt. Den Verlust jedoch gleicht ihnen kein Staatsprogramm dieser Welt mehr aus.
„Seht Euch meine schwieligen Hände an“, ruft Bauer Isak Muhamed aus. „Unsere Arbeit ist wirklich so hart.“ Mit seinen 25 Jahren versorgt er drei Kinder. Aber er hat genug von den Verheißungen der Moderne gehört, um auf etwas zu hoffen, das Westeuropäern das Blut gefrieren lässt: 2013 soll in Südtansania eine neue Uran-Mine in Betrieb gehen.
Ein amerikanisch-australischer Betreiberkonzern erkauft sich die Sympathien der Bevölkerung, indem er Schulen in der Region gründet und eine breite Straße bauen lässt. Für die Trasse fräsen französische Bauunternehmen derzeit eine tiefe Schneise in die rotbraune Erde, die Nantumbo mit dem einige Hundert Kilometer fernen Meer verbinden soll. Von dem dort entstehenden Hafen wird das Uran dann in die Industrienationen verschifft. In Tansania zurück bleiben ausgenutzte Arbeiter und ein gigantisches Loch im Boden.
Aber es regen sich auch in Nantumbo kritische Geister. So geht die Geschichte von einem Hexenmeister um, der auf einem Berg residiert. „Er ist ein sehr bedeutender Heiler“, beschwört Kenbimba, während wir wieder gemeinsam unter seinem Strohdach essen. Eines Tages suchten ausländische Investoren den Heiler auf und kauften ihm den Berg für 200 000 Schillinge ab: Sie wollten dort Rohstoffe abbauen. Das Geschäft währte aber nur wenige Tage, dann gab der Hexenmeister das Geld an die Ausländer zurück. „Er ertrug den Zorn des Berggeistes nicht, der ihn seit dem Verkauf verfolgt hatte“, erklärt Kenbimba. An der Authentizität dieser Geschichte haben die meisten Menschen in Nantumbo keinen Zweifel: „Wir glauben daran, unsere Regierung aber nicht.“ Etwas mehr Ehrfurcht würde auch den Politikern gut tun, findet der Bauer.
Er ahnt, dass die Tage der Berggeister von Nantumbo bald gezählt sind. Denn es sieht so aus, als hätten sie der Gewalt einer Moderne, die wirtschaftliche Interessen verfolgt, nicht viel entgegenzusetzen. Aber so ganz sicher weiß das bei Geistern natürlich keiner.
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Für das Abendessen mit ihren Gästen haben Frauen auf ihrem Hof in Nantumbo einen Hahn geschlachtet. Foto: Sabine Richter

 
 
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