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02. Januar 2010  | Von Stefan Benz

Marokko

Trekking-Tour durch das Atlasgebirge zu blühenden Oasen und zerfallenden Lehmburgen

 
| Vergrößern | Am Rande der Wüste: Hussein Dakhamat (rechts) führt Touristen durch das Atlasgebirge. Foto: Stefan Benz


Ende der Siebziger war Zagora im Südosten Marokkos eine unbedeutende Siedlung entlang einer einzigen Straße. Heute ist es Provinzhauptstadt mit 30.000 Einwohnern, Marktort, Verwaltungsresidenz und Ausgangspunkt für Kameltouren in die Sahara. Das Schild mit dem Hinweis, dass es bis nach Timbuktu in Mali noch 52 Tage mit dem Wüstenschiff sind, ist das bekannteste Fotomotiv aus Zagora. Dort endet unsere Reise, und dort begann die Geschichte von Hussein Dakhamat (30), der Touristen durch die Wüste und das Atlasgebirge führt.

Mit zwei Brüdern und zwei Kamelen hat er angefangen, heute führt der junge Mann mit dem blauen Gewand und Turban ein Hotel im Kasbah-Stil mit 30 Angestellten, großem Garten, Wohnzelten und Suiten rund 90 Kilometer südlich von Zagora. Nach einem halben Jahr in Frankfurt plaudert Dakhamat mit Reisenden selbstverständlich auf Deutsch. Um die Dimension dieser Karriere zu ermessen, muss man einmal mit ihm durch das fruchtbare Dra-Tal gewandert sein, das Zagora mit dem etwas größeren Touristenzentrum Ouarzazate drei Fahrstunden weiter nordwestlich verbindet. Wenn dann auf einem Geröllweg mitten im Nirgendwo ein kleines Mädchen kein bisschen verloren herumsteht, grüßt Dakhamat. Zwei, drei Sätze, dann ist klar: Die Kleine hütet Ziegen. Man kann solche Kinder auch entlang von Schlaglochpisten sehen, wenn man mit dem Geländewagen durch dürre Täler fährt: Erst ein Bub, der Versteinerungen in den Staub hält, auf dass die Reisenden sie kaufen. Zweihundert Meter weiter grast seine Herde schwarzer Ziegen dürres Grün - zu einer Zeit, da andere Kinder in der Schule sitzen. Trotz Schulpflicht liegt die Analphabetenrate in Marokko bei rund 50 Prozent.

,,Die Wüste ist eine Schule", sagt Hussein Dakhamat, ,,da lernst du alles." Er muss es wissen. Die Landschaft im Süden des Atlas war auch sein Klassenzimmer. Der Mann, der heute Hotelier ist, stand mit sieben Jahren auch allein dort draußen mit den Ziegen. ,,Da lernt man Verantwortung. Du darfst nicht einschlafen, sonst kommen Raubtiere." Was tun, wenn jemand krank wird und nirgendwo ein Arzt ist? Wie den Durchblick behalten im Sandsturm? Das sind Lektion der Wüste, die Fremdenführer wie Dakhamat verinnerlicht haben. Auch deshalb ist es sinnvoll, mit einem Guide wie ihm zu reisen. Man könnte auf der gut ausgebauten Straße N9 von Ouarzazate nach Zagora zwar auch allein und mit einem konventionellen Wagen klarkommen. Doch spätestens wenn man erlebt, dass sich sogar Einheimische mal auf einem Holperkurs verfahren und den nächsten Kamelhirten fragen müssen, fühlt man sich im Touristentreck bedeutend wohler.

So gelangt man - je nach Tourprogramm - in knapp einer Woche durch das Dra-Tal mit seinen angeblich über eine Millionen Dattelpalmen. Morgens Pfannküchlein mit gezuckertem Minztee, dann drei Stunden wandern, mittags Huhn mit Couscous, nachmittags noch mal zwei Stunden wandern, abends Rinderragout und Kartoffeln aus dem Tajine-Tontopf. Die Verpflegung beim Trekking ist reichlich, aber nicht eben abwechslungsreich. Die Landschaft zeigt ständig neue Aspekte der Kargheit. Was beim Aufstieg noch schroff ausschaut, öffnet beim nächsten Abstieg schon den Blick auf eine Oase. Kein Wunder, dass entlang des sich durch die Berge windenden Wasserlaufs Qued Dra verblüffend viele Kasbahs stehen: Trutzbauten aus Lehm, die schnell zerfallen, wenn sie nicht immer wieder gegen Wind und Wasser handwerklich verteidigt werden. In der Region um Ouarzazate, wo unser Reise beginnt, liegt 20 Kilometer abseits der Passstraße die Kasbah Telouet. Mit dem Auge des Romantikers betrachtet, könnte man den verfallenden Komplex für ein Bauwerk aus dem Mittelalter halten. Tatsächlich ist diese Burg, in der sich bis zu 1000 Angehörige eines mächtigen Berber-Clans drängten, aber im 19. Jahrhundert gebaut und erst vor 50 Jahren verlassen worden. Für die verschlossenen Prunksäle gibt es noch einen Wächter. Hinter einer schweren Tür liegen chinesische Tapeten und Böden aus Carrara-Marmor, die von Vogelkot befleckt sind. Tauben haben die Herrschaft übernommen.

Viel besser bewahrt und auch bekannter sind die ineinander verschachtelten Kasbahs von Ait Ben Haddou die westlich von Ouarzazate ein Wehrdorf (Ksar) bilden. Auf einem Hügel gelegen, ist diese Lehmburg eine Kulisse, die es bis ins Kino gebracht hat. Dank der nahe gelegenen Atlas-Filmstudios drehten dort schon Peter O'Toole als Lawrence von Arabien, Willem Dafoe als Jesus und Russell Crowe als Gladiator. Heute leben noch sechs Familien mit und von den Touristen in diesem Freilichtmuseum, für das sie immer wieder Lehm, Stroh und Wasser anrühren, um dem rapiden Verfall zu begegnen.
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Das Wasser ist knapp und für die Äcker streng kontingentiert. ,,Statt täglich zu duschen geht man da lieber zwei Mal in der Woche ins Hamam-Bad", erklärt Hussein Dakhamat beim Aufstieg zur befestigten Kornkammer auf der Hügelspitze. So viele Schlachten Hollywood dort schon gewonnen hat, droht dem Weltkulturerbe Ait Ben Haddou doch immer noch der Untergang im Staub.

Dabei gab es Zeiten, da war diese Region ein regelrechter Tierpark. Das allerdings ist Jahrzehntausende her, was einem die prähistorische Freiluftgalerie an der Oase von Ait Ouzik vor Augen führt. Der schaukelnde Vier-Rad-Ritt auf einer Piste lohnt den stundenlangen Umweg auf der Fahrt nach Zagora. Auf einer unscheinbaren Kuppe liegen versteinerte Lehmplatten, rötlich und hart durch Eisen. Sie zeigen einen Schakal, der eine Antilope reißt, Gazellen, Giraffen, Straußenvögel und Ur-Elefanten. Eine verlorene Welt.

Nur Ziegen, Esel und Dromedare kreuzen heute den Weg des Reisenden, wenn er mit dem Geländewagen Staubwolken durch die Dörfer zieht. In den Wolken winken die Kinder, die Jugendlichen kommen gelaufen, wenn ein Wagen hält, verkaufen Datteln in Flechtkörben. Man muss keine Dirham-Münzen in der Tasche haben, der Euro wird gern genommen. Für Früchte, aber auch mal für ein Foto.

Dennoch kann es passieren, dass dem Touristen eine barsche Abfuhr entgegenschlägt, wenn er die Kamera auspackt. Gerade dunkelhäutige Frauen kann das sehr erzürnen. Es sind Issegaren, oft und verächtlich auch Haratin genannt: Nachfahren von Sklaven aus Sudan und Mali. Was Berber nicht schert, kann ihren Stolz verletzen, erklärt Hussein Dakhamat. Ein Foto in einer Zeitung oder auf einer Postkarte könnte den Ruf einer Frau ruinieren. Dann ist es schwer, einen Mann zu finden, weshalb die Mütter auch scharf über das Persönlichkeitsrecht am Bild ihrer Kinder wachen, erklärt unser Fremdenführer.

Sein Wüstenschul-Wissen aus den Fächern Völkerkunde und Rechtsfragen des Alltags gibt Dakhamat gern weiter. Eine Tour mit einem Reiseführer wie ihm wird dabei für den Europäer zu einem Einführungskurs in die Landeskunde des Maghreb: eine staubige Lektion mit Minztee und Schmorbraten.


 
 
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