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Ende der Siebziger war Zagora im Südosten Marokkos eine unbedeutende Siedlung entlang einer einzigen Straße. Heute ist es Provinzhauptstadt mit 30.000 Einwohnern, Marktort, Verwaltungsresidenz und Ausgangspunkt für Kameltouren in die Sahara. Das Schild mit dem Hinweis, dass es bis nach Timbuktu in Mali noch 52 Tage mit dem Wüstenschiff sind, ist das bekannteste Fotomotiv aus Zagora. Dort endet unsere Reise, und dort begann die Geschichte von Hussein Dakhamat (30), der Touristen durch die Wüste und das Atlasgebirge führt. Mit zwei Brüdern und zwei Kamelen hat er angefangen, heute führt der junge Mann mit dem blauen Gewand und Turban ein Hotel im Kasbah-Stil mit 30 Angestellten, großem Garten, Wohnzelten und Suiten rund 90 Kilometer südlich von Zagora. Nach einem halben Jahr in Frankfurt plaudert Dakhamat mit Reisenden selbstverständlich auf Deutsch. Um die Dimension dieser Karriere zu ermessen, muss man einmal mit ihm durch das fruchtbare Dra-Tal gewandert sein, das Zagora mit dem etwas größeren Touristenzentrum Ouarzazate drei Fahrstunden weiter nordwestlich verbindet. Wenn dann auf einem Geröllweg mitten im Nirgendwo ein kleines Mädchen kein bisschen verloren herumsteht, grüßt Dakhamat. Zwei, drei Sätze, dann ist klar: Die Kleine hütet Ziegen. Man kann solche Kinder auch entlang von Schlaglochpisten sehen, wenn man mit dem Geländewagen durch dürre Täler fährt: Erst ein Bub, der Versteinerungen in den Staub hält, auf dass die Reisenden sie kaufen. Zweihundert Meter weiter grast seine Herde schwarzer Ziegen dürres Grün - zu einer Zeit, da andere Kinder in der Schule sitzen. Trotz Schulpflicht liegt die Analphabetenrate in Marokko bei rund 50 Prozent.,,Die Wüste ist eine Schule", sagt Hussein Dakhamat, ,,da lernst du alles." Er muss es wissen. Die Landschaft im Süden des Atlas war auch sein Klassenzimmer. Der Mann, der heute Hotelier ist, stand mit sieben Jahren auch allein dort draußen mit den Ziegen. ,,Da lernt man Verantwortung. Du darfst nicht einschlafen, sonst kommen Raubtiere." Was tun, wenn jemand krank wird und nirgendwo ein Arzt ist? Wie den Durchblick behalten im Sandsturm? Das sind Lektion der Wüste, die Fremdenführer wie Dakhamat verinnerlicht haben. Auch deshalb ist es sinnvoll, mit einem Guide wie ihm zu reisen. Man könnte auf der gut ausgebauten Straße N9 von Ouarzazate nach Zagora zwar auch allein und mit einem konventionellen Wagen klarkommen. Doch spätestens wenn man erlebt, dass sich sogar Einheimische mal auf einem Holperkurs verfahren und den nächsten Kamelhirten fragen müssen, fühlt man sich im Touristentreck bedeutend wohler. So gelangt man - je nach Tourprogramm - in knapp einer Woche durch das Dra-Tal mit seinen angeblich über eine Millionen Dattelpalmen. Morgens Pfannküchlein mit gezuckertem Minztee, dann drei Stunden wandern, mittags Huhn mit Couscous, nachmittags noch mal zwei Stunden wandern, abends Rinderragout und Kartoffeln aus dem Tajine-Tontopf. Die Verpflegung beim Trekking ist reichlich, aber nicht eben abwechslungsreich. Die Landschaft zeigt ständig neue Aspekte der Kargheit. Was beim Aufstieg noch schroff ausschaut, öffnet beim nächsten Abstieg schon den Blick auf eine Oase. Kein Wunder, dass entlang des sich durch die Berge windenden Wasserlaufs Qued Dra verblüffend viele Kasbahs stehen: Trutzbauten aus Lehm, die schnell zerfallen, wenn sie nicht immer wieder gegen Wind und Wasser handwerklich verteidigt werden. In der Region um Ouarzazate, wo unser Reise beginnt, liegt 20 Kilometer abseits der Passstraße die Kasbah Telouet. Mit dem Auge des Romantikers betrachtet, könnte man den verfallenden Komplex für ein Bauwerk aus dem Mittelalter halten. Tatsächlich ist diese Burg, in der sich bis zu 1000 Angehörige eines mächtigen Berber-Clans drängten, aber im 19. Jahrhundert gebaut und erst vor 50 Jahren verlassen worden. Für die verschlossenen Prunksäle gibt es noch einen Wächter. Hinter einer schweren Tür liegen chinesische Tapeten und Böden aus Carrara-Marmor, die von Vogelkot befleckt sind. Tauben haben die Herrschaft übernommen.Viel besser bewahrt und auch bekannter sind die ineinander verschachtelten Kasbahs von Ait Ben Haddou die westlich von Ouarzazate ein Wehrdorf (Ksar) bilden. Auf einem Hügel gelegen, ist diese Lehmburg eine Kulisse, die es bis ins Kino gebracht hat. Dank der nahe gelegenen Atlas-Filmstudios drehten dort schon Peter O'Toole als Lawrence von Arabien, Willem Dafoe als Jesus und Russell Crowe als Gladiator. Heute leben noch sechs Familien mit und von den Touristen in diesem Freilichtmuseum, für das sie immer wieder Lehm, Stroh und Wasser anrühren, um dem rapiden Verfall zu begegnen.


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