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20. November 2010

Ägypten

Das Sonnenwunder von Abu Simbel lockt mehrere tausend Menschen an - Stundenlanges Warten in der Dunkelheit - Militär und Polizisten eskortieren den Sonnenstrahl bis in die Tiefe des Tempels

 
| Vergrößern | Kolossal: Der Ramses-Tempel von Abu Simbel bei Tageslicht. Die Statuen sind mehr als 20 Meter hoch. Fotos: Michael Fritz

War das nun die Nacht aller Nächte, auf die selbst eingefleischte Ägyptologen neidisch sein müssen? Oder erleben die gut 2000 Menschen, die am 22.Oktober vor dem Ramses-Tempel in Abu Simbel stundenlang in der Dunkelheit ausgeharrt haben, einfach nur den unromantischsten Sonnenaufgang ihres Lebens?

Als die Sonne einen Wimpernschlag nach 6 Uhr ihren ersten Strahl über den Horizont am Nassersee schickt, schreien die Japaner neben uns vor Entzücken laut auf. Der Strahl schießt, von bewaffneten Soldaten und Polizisten geschützt, mit Lichtgeschwindigkeit in den 63 Meter langen Tempelgang und taucht die vier am Ende sitzenden Statuen in gleißendes Licht.

Während afrikanische Tänzer und Musiker auf dem Vorplatz angesichts des »Sonnenwunders von Abu Simbel« ihre Künste präsentieren, bricht am Tempeleingang nun vollends die Hektik aus. Denn mindestens 1000 Touristen wollen in der zwanzigminütigen Wunderphase an den Götterstatuen vorbeigeschleust sein: Unter lauten Yala, Yala-Rufen setzen die Sicherheitskräfte die vor Spannung, Glück und Rückenschmerzen aufgeladene Menschenschlange also umgehend in Bewegung.

Unsanft geht es in Dreierreihen vorwärts. Wer auf dem Weg zu den allerheiligsten Statuen stehenbleibt, muss auf so manchen Schubs gefasst sein. Dann kommt der große, aber kurze Augenblick, den viele hier so herbeisehnen: Die Wachleute fordern die Gänsemarschierer auf, den sonnendurchfluteten Tempelgang in geduckter Haltung zu überqueren, damit sie selbst keinen Schatten werfen. Während von rechts die Sonne einfällt, thront links das besonnte Götter-Quartett: Schöpfergott Ptah, Reichsgott Amun-Re, Ramses II. und Sonnengott Re-Harachte.

Ein Sekundenblick ist gestattet, mehr aber auch nicht: Denn mit einem vielstimmigen »Yala, Yala« erhöht die Polizei auf der anderen Seite des Ganges nun den Druck, rasch nach draußen zu verschwinden, damit die nächsten nachrücken.

Vor allem die Besucher aus Fernost scheinen derart hart im Nehmen, dass sie trotz dieser Widrigkeiten auch positiv überwältigt bleiben. Schon um 1.30 Uhr in der Frühe hatten wir eine 200 Mann starke Japan-Fraktion in der geschichtsträchtigen Umgebung angetroffen - auf dem Steinboden unweit der Toiletten kauernd saß der Wundertrupp. Ausgespuckt von Shuttle-Bussen aus dem 300 Kilometer entfernten Assuan. Als sich gegen 3 Uhr die Türen zur Kernzone des Tempels öffnen, stürmen wir mit den quirligen Japanern direkt zum Eingangsportal, um dort unser zweites Nachtlager zu Füßen der vier berühmten, über 20 Meter hohen Kollossalfiguren aufzuschlagen. Sie stellen allesamt Ramses II dar, sind in den gut 30 Meter hohen Fels gehauen und eigentlich viel berühmter als die vier Götterstatuen im Tempelinneren. Der Abstand von Ohr zu Ohr beträgt bei diesen Tempelwächtern vier Meter, die mächtigen Fußzehen scheinen uns fast ins Gesicht zu treten.
| Vergrößern |
Nachtschicht vor dem Tempel: Tausende Menschen warten auf das Sonnenwunder.

Dass wir in Erwartung des Sonnenwunders knapp drei Stunden auf Handtüchern im Tempeleingang dösen und dabei Ramses ins Nasenloch starren, ist für uns Europäer im Nachhinein viel beeindruckender als das eigentliche Sonnenwunder. Zweimal jährlich, am 22. Oktober und am 22.Februar, wiederholt sich das Phänomen. Das Krönungs- und Geburtsdatum von Ramses wird in die beiden Wundertage hineininterpretiert. Einige Japaner vor uns sollen viel Geld geboten haben, um die Ersten zu sein, wird gemunkelt. Vor allem sie nehmen auch unverdrossen an der Party teil, die nun draußen noch einige Stunden weitergeht. Wir ziehen uns dagegen etwas übernächtigt aufs Kreuzfahrtschiff zurück. Gottlob ankert es nur einen knappen Kilometer entfernt auf dem Nassersee.

Als wir auf dem Sonnendeck des Schiffs den Frühstückskaffee zu uns nehmen und die Temperatur schon gegen 7 Uhr die 30-Grad-Marke wieder knackt, dämmert uns noch einmal die Verrücktheit der nächtlichen Tempelbesetzung: Bei Helligkeit würden wir den Tempel jederzeit wieder aufsuchen, denn er ist und bleibt ein grandioses Zeugnis der ägyptischen Hochkultur. Beim Sonnenwunder und dessen Vorspiel ab Mitternacht sind wir anderer Meinung. Man sollte es vielleicht einmal erlebt haben, um mitreden zu können. Einmal, aber dann nie wieder.


 
 


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