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04. September 2010 luh

Vogelfrei erst nach getaner Arbeit

Brauchtum in Tunesien: Das Sperberfestival in El Haouaria zieht alljährlich viele Besucher in seinen Bann - Sieger ist derjenige, dessen Sperber weit vom Start entfernt die Wachtel schlägt

| Vergrößern | Erfahrener Jäger: Hassan Ben Dhaffer mit einem Sperber, den er in der Gegend um El Haouaria zur Wachteljagd abrichten wird. Foto: Lutz Heider

Der Jäger jagt den gefiederten Jäger in Bodennähe mit feinmaschigen Netzen, die zwischen Bäume gespannt werden. Und dem Sperber nutzt sein hervorragendes Sehvermögen wenig, wenn erfahrene Vogelfänger wie der 70 Jahre alte Hassan Ben Dhaffer ihre Fallen auslegen. Seit 55 Jahren setzt der drahtige Mann aus El Haouaria eine jahrhundertelange Tradition seiner Vorväter in Nordtunesien am Cap Bon fort.

El Haouaria, etwa eine Autostunde von Tunis oder Hammamet entfernt, liegt am Zipfel dieser Halbinsel am Meeresarm am Golf von Tunis, der Europa von Afrika trennt. Viele Zugvögel lassen sich vor dem langen Flug über das Meer am Cap Bon nieder.

Die Jäger von El Haouaria dürfen zusammen in jeder Saison siebzig Sperber fangen, darüber wacht der Verein der Falkner, der Lizenzen vergibt. Allerdings nur an Männer. Die Falkner nehmen die Tiere mit nach Hause, um sie dort für den Höhepunkt des Jahres zu dressieren: Das Sperber-Festival von El Haouaria. Es findet jährlich Mitte Juni statt. Ziel sei es, so Wahid Ibrahim, die Tradition an die jungen Männer weiterzugeben. Mit den Sperbern werden Wachteln, die auch in Tunesien als Delikatesse gelten, für den Eigenbedarf gejagt. Der Leiter des Festivalkomitees berichtet, dass die Männer stolz mit dem Sperber auf der Faust die Runde durch die Dorfcafés machen. »Diese Praxis gehört zur Dressur, da sie den Raubvogel an die Präsenz des Menschen gewöhnt.«

Beim Festival treffen wir Hassan Ben Dhaffer wieder. Er hat sich fein gemacht, das Fest ist ein gesellschaftliches Ereignis und weit über die Region hinaus bekannt. Eigene Namen bekommen die Vögel übrigens in aller Regel nicht. Die Jäger treffen sich im Sperber-Zentrum am Rand des gut 20 000 Einwohner zählenden Städtchens. In Ausstellungsräumen wird über die lange Geschichte der Sperberjagd an der Spitze des Cap Bons berichtet. Eine kleine Zuschauertribüne gibt den Blick frei auf eine Senke. Eine neue Jagd beginnt, diesmal mit Wachteln als Opfer. Beide Vogelarten haben die gleichen Zugzeiten und -routen. Kleine Vögel entsprechen dem Beuteschema des Sperbers.

Einzeln werden die Männer aufgerufen, werfen von einer Plattform aus erst die Wachtel in die Luft - und dann den Sperber. Auch hier hat David gegen Goliath eine echte Chance. Mit ihren relativ kurzen Flügeln und dem langen Schwanz erreichen Sperber keine besonders hohen Fluggeschwindigkeiten, sind dafür aber in der Luft außergewöhnlich wendig. Dennoch: Etwa jede zweite Wachtel entkommt.

Die Jäger dürfen nicht zu früh ihren Pflegevogel seinem Beutetier hinterherwerfen, denn Sieger ist derjenige, dessen Sperber möglichst weit vom Start entfernt die Wachtel schlägt; und dies in möglichst kurzer Zeit. Über drei Tage ziehen sich die Wettkämpfe; auch Falkner aus zwei Nachbarorten stellen sich dem Vergleich. Kurze Zeit nach dem Festival werden die Raubvögel wieder freigelassen. Ein Tierarzt begutachtet jeden Sperber, um zu testen, ob er sich in der Natur zurechtfinden kann.

»Es ist schon vorgekommen, dass Sperber bis zum Herbst in der Region von El Haouaria bleiben, um dann den normalen Migrationszyklus in den Süden des afrikanischen Kontinents aufzunehmen«, erzählt Wahid Ibrahim. »Es passiert auch schon mal, dass von einer auf die andere Saison dieselben Sperber von denselben Jägern gefangen werden. Daraus entstehen dann märchenhafte Geschichten, die sich die Leute im Dorf erzählen.«


 
 


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