Sechs antike Säulen, weithin sichtbar, markieren den Weg in eine ziemlich gut konservierte Vergangenheit. Hinter diesen Fingern aus Stein breitet sich die von silbergrünen Olivenbäumen umsäumte sandfarbene Stadt Dougga aus, eine der am besten erhaltenen römischen Ansiedlungen in Tunesien.
Wie vor 2000 Jahren schallt Applaus aus dem Zuschauerraum des Amphitheaters am Eingang der Stadt. Gerade hat ein Einheimischer vor einer Gruppe deutscher Touristen Goethes ,,Es war ein König in Thule" auswendig vorgetragen. Doch das Theater ist viel stärkere Beifallsbezeugungen gewohnt, denn immerhin können seine neunzehn Steinreihen Sitzplätze für 3500 Zuhörer bieten.Bei den jährlichen Festivals werden sie auch alle genutzt. Das 100 Kilometer südwestlich von Tunis gelegene Dougga gehört wie die Medina der tunesischen Hauptstadt Tunis, und die Ruinen des antiken Karthago zum Unesco-Weltkulturerbe. Nordtunesien, grün und fruchtbar, galt einst als Kornkammer Roms. Anfang Februar blühen dort schon die ersten Bäume, und Schmetterlinge taumeln flirtend aufeinander zu. Das Thermometer zeigt 15 Grad, während das zweieinhalb Flugstunden entfernte Deutschland im Schnee versinkt. Der Name Dougga bedeutet ,,Felder" oder auch ,,das Grün". Grün ist die Farbe des Islam, die Farbe des Paradieses und das Gegenteil von Wüste. In ihren römischen Glanzzeiten hatte die von Berbern auf dem Plateau oberhalb des Tales Oued Khalled gegründete Stadt etwa 10.000 Einwohner. Aber es müssen weitaus mehr gewesen sein, denn Sklaven wurden nicht mitgezählt. Die Bürger waren Veteranen, Römer, denen nach ihrer zwanzigjährigen Dienstzeit beim Militär Land in der Provincia Africa geschenkt worden war. Offenbar lebten sie friedlich mit einheimischen Puniern zusammen, übernahmen deren Götter, akzeptierten auch ihr (vor einigen Jahrzehnten wiederaufgebautes) 21 Meter hohes lybisch-punisches Mausoleum, das wohl niemals Grabmal, sondern eher Denkmal war. ,,Die Römer wurden Einheimische", doziert der Touristenführer, ,,im Gegensatz zu den Franzosen". Ungeniert dürfen die Besucher von heute das Allerheiligste des Jupitertempels betreten, zu dem früher nur Priester Zugang hatten. Die Touristen haben aber nicht viel von ihrem Privileg, weil die Nische, die einst eine sieben Meter hohe Jupiterstatue barg, leer steht, und der riesige Kopf des lockenbärtigen Gottes ins renommierte Bardo-Museum von Tunis umgezogen ist.Tunesien
Tunesien: In der Altstadt von Tunis, in Karthago und der Ruinenstadt Dougga
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Wie in Pompeji haben Wagenräder auf den gepflasterten Straßen tiefe Furchen hinterlassen. Um das Forum mit seinem großen Ziehbrunnen waren einst Geschäfte gruppiert, und mit Fantasie lässt sich der gepflasterte Platz sofort wiederbeleben: mit Tuch- und Gemüsehändlern, feilschenden Kunden, Karren, die Warennachschub bringen, mit fröhlichem Lärm und appetitanregenden Gerüchen. Das Eintreten in Privatgemächer ist in Dougga erlaubt, halb zerstörte Wohnhäuser geben ihr Innenleben preis. Alle Zimmer waren einst auf einen Innenhof (Atrium) mit einem Regenauffangbecken gerichtet. An vielen Stellen entdecken die Besucher noch Reste römischer Mosaiken - auch im Flur eines mutmaßlichen römischen Bordells -, wo Ranken in herzförmige rote Blätter übergehen. Die Konstruktion der Sommer- und der Wintertherme, jener antiken Wellnesstempel, in denen nicht nur gebadet, sondern auch Politik gemacht wurde, nötigt Respekt für die cleveren römischen Ingenieure ab. Heiterkeit erregt die Toilettenanlage aus Stein mit Wasserzufluss und Handwaschbecken an der Wand. Bevor sich ein Römer auf einen der Klopötte begab, soll er Sklaven zum Aufwärmen der kalten Steine abkommandiert haben. Behauptet jedenfalls der Reiseleiter. Ob man ihm glauben darf?Noch erfüllt von den Eindrücken aus Dougga, wundert sich auf der Rückfahrt niemand darüber, dass in der Mitte des nächstens Verkehrskreisels echte römische Säulen herumstehen. Die scheint es in Tunesien im Überfluss zu geben. So wird nicht nur die Gebetshalle der Zitouna-Moschee (Ölbaum-Moschee) von Tunis von römischen Säulen getragen, sondern auch die der 1630 erbauten Moschee von Testour, einer kleinen, von spanischen Mauren im 16. Jahrhundert gegründeten Stadt. Ihr Minarett mit den farbigen Fayencen ist mit Davidsternen verziert, ein Beleg dafür, dass sich Juden und Muslime einmal gut verstanden haben müssen. Viktoria Hassouna könnte eine Berberin sein: schwarze Haare, dunkel umrandete Augen, lebhafte Gestik. Zwanzig Jahre Tunesien haben die Deutsche geprägt. Schon immer war der Orient das Sehnsuchtsland der 44 Jahre alten Dortmunderin, und das Schicksal musste wohl nur sehr wenig nachhelfen, damit sie sich nach dem Studium der Orientalistik während eines Urlaubs in einen Tunesier verliebte und seine Frau wurde. Die Familie ihres Mannes Lassaad Hassouna produziert bereits in der dritten Generation Olivenöl. Auf dem 440 Hektar großen Landgut Ksar Ezzit, etwa 30 Kilometer von der Provinzstadt Zaghouan entfernt, betreibt das Paar eine der größten biologischen Olivenplantagen Tunesiens. In drei Ölmühlen wird die Ernte von 55 000 Olivenbäumen verarbeitet und danach exportiert.Stolz erzählt Viktoria Hassouna, dass auf ihrem Landgut der einzige zertifizierte Bienenhonig Tunesiens abgefüllt wird. Für die Bienen wurden sogar Lavendelsträucher angepflanzt. Neu ist das familieneigene Öko-Hotel: 42 Betten, verteilt auf sieben Villen mitten in den Plantagen. Die Gäste können reiten, radfahren oder wandern, ihre Kinder der Reihe nach sämtliche Tiere füttern, darunter auch Straußenvögel. Und im Restaurant gibt es - alles aus Bio-Produkten zubereitet - die traditionellen tunesischen Speisen. Geschäftsfrau Viktoria Hassouna, Mutter von zwei Kindern, hat viel zu tun und trotzdem Zeit, ein Buch über die Vorzüge des Olivenöls zu schreiben. Mit ihrer alle Sinne ansprechenden Buntheit und dem Charme des Unperfekten sind die Souks der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Altstadt von Tunis das genaue Gegenteil einer rational ausgeklügelten Ökostrategie. Rund um die Zitouna-Moschee gruppieren sich wie eine Stadt in der Stadt die Gässchen und überdachten Zunftstraßen. Es ist ein Labyrinth, in dem man von den Angeboten und Essensdüften überwältigt und von malerischen Gestalten abgelenkt wird. Am besten, man lässt sich treiben, dann wird man auch belohnt: mit Einblicken in alte Gebäude und Innenhöfe, den Anblick prächtiger blauer genagelter Türen oder von Kopftuchfrauen, die sich am Anblick von Goldschmuck laben. Alle Händler haben ihre winzigen Läden bis an die Decke mit Waren vollgestopft. Sobald ein Tourist die Nase bei ihnen reinsteckt, laden sie ihn freundlich zum Tee- oder Kaffeetrinken ins nächstgelegene Kaffeehaus ein. Und schon zappelt der Kunde an ihrer liebenswürdig ausgelegten Angel.
Wo hat Hannibal in dieser alten Stadt seine Spuren hinterlassen? Gewiss ist er der berühmteste Karthager, wenn die heutige Jugend seinen Namen auch mehr mit Hannibal Lecter, dem Psychopathen aus US-Spielfilmen, in Verbindung bringt. Tatsächlich gibt es von dem Mann, vor dem einst Rom zitterte, kein einziges Abbild. Unklar ist, wo er begraben liegt, vielleicht in der Türkei. Dass er von Spanien aus mit afrikanischen Elefanten die Alpen überqueren konnte, erscheint heutzutage fragwürdiger denn je. Im Bardo-Museum, dem ehemaligen Palast des Bey von Tunis, ist der große Heerführer jedenfalls nicht vertreten. Dort sind außer der weltweit größten Sammlung römischer Mosaike punische (kathargische) Kunstwerke ausgestellt. Es waren die Sklaven, die den Römern zu ihren wundervollen Mosaikteppichen verhalfen. Dank antiker Fußbodenheizung strahlten sie sogar Wärme ab. Muster und Szenen wurden aus naturfarbenen Steinchen nach vorgegebenen Skizzen pingelig zusammengesetzt. Sie beschreiben den Triumph des Neptun und die Welt des Meeres, die Jagd oder das Alltagsleben. Das Bardo-Museum - zur Zeit wird es aufwendig umgebaut - hat 4000 Quadratmeter Mosaik zu bieten, das größte zusammenhängende Werk ist 10 Meter breit und 13 Meter lang. Das Mosaik des Poeten Virgil bekam einen Ehrenplatz im ,,intimen Raum des Königs". Virgil hatte Dido (Elissa) mit seinem Epos Äneis unsterblich gemacht. Sie war eine phönizische Prinzessin, die sich zu ihrem Unglück in den trojanischen Helden Aeneas verliebte. Dido gilt als die legendäre Stadtgründerin Karthagos. Weil sie Ausländerin war, durfte sie nicht mehr Fläche besitzen, als von einer Ochsenhaut bedeckt werden konnte. Die schlaue Prinzessin umging die Vorschrift, indem sie eine Ochsenhaut in feine Streifen schnitt und auf diese Weise das ihr zustehende Grundstück erweiterte.So wurde der Byrsa-Hügel (Byrsa bedeutet: gegerbte Tierhaut) der Geburtsort Karthagos. Das moderne Karthago ist ein Vorort von Tunis und Regierungssitz des tunesischen Staatspräsidenten. Von der alten Prächtigkeit der antiken Stätte aber ist nicht mehr viel zu entdecken. Verglichen mit Dougga, wirken die Ruinen der einstigen Weltmacht geradezu enttäuschend. Im Museum von Karthago gibt eine gezeichnete Rekonstruktion der von den Römern zerstörten und später im Auftrag Julius Cäsars wiederaufgebauten Stadt eine Ahnung von ihrer Ausbreitung. Mit einem Minztee, auf dem Pinienkerne schwimmen, kann man sich im Café des Nattes von Sidi Bou Said von der antiken wieder in die orientalische Welt zurückbeamen. In diesem im maurischen Stil eingerichteten Gastraum haben 1914 auch schon Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet auf Grasmatten (Nattes) gesessen und sich gegenseitig von den Frühlingsfarben Tunesien vorgeschwärmt. Noch heute werden Aquarelle von ihrer orientalischen Reise als Kalendermotive vermarktet. Sidi Bou Said, Vorort von Tunis, ist eine Art tunesisches Rothenburg. Ein Stück Orient ohne Fehl und Tadel mit weißen kubischen Häusern im andalusischen Stil, blauen Toren mit Nageldekor (Moucharabia), Minaretten, Galerien, Bougainvilla-Sträuchern und Ausblick auf den blauen Golf von Tunis. Ein Ort zum Immerwiederkehren - doch leider kein Geheimtipp mehr.
AuskünfteZwanzig Prozent seiner Einnahmen verdankt Tunesien dem Tourismus, der unter dem neuen, für Fremdenverkehr zuständigen Minister Slim Tlatli noch stärker ausgebaut werden soll. Von dieser Einnahmequelle leben 400.000 Menschen. Eine neue wichtige Säule neben Badeurlaub, Thalasso-Therapie, Golf-Angeboten und Sahara-Ausflügen ist der Kulturtourismus. Jährlich reisen, vorwiegend im Frühling und Sommer, etwa 50.000 Deutsche in das nordafrikanische Land, das sich als Ganzjahresdestination für ,,Best Ager" empfehlen will. Das Kerngeschäft bleibt der Familienurlaub. Detaillierte Informationen beim Fremdenverkehrsamt Tunesien, Bockenheimer Anlage 2, 60322 Frankfurt, Telefon 069-1338 3517, im Internet unter www.tunesien.info.Näheres über die Öko-Domäne Ksar Ezzit kann unter www.ksar-ezzit.com nachgelesen werden.
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