Ist es mit dem Wandern nicht wie mit einem guten Tropfen Wein? Selten taugt der Durchschnitt, das Ambiente will erwogen sein zur Anregung von Geist und Körper. Übertreibung schadet hier wie dort, gut tun muss es hinterher, wohlig kribbeln bis zur Bettschwere, doch bitte morgen ohne Kater.
Wer Wanderfreuden und Weingenuss kombinieren möchte, kommt auf dem Rotweinwanderweg an der Ahr auf seine Kosten. Im Norden von Rheinland-Pfalz, wo sich das Eifelflüsschen durch den Schiefer gefressen hat, liegt ein kleines, feines Rotwein-Anbaugebiet. Mit rund 520 Hektar Rebfläche belegt es flächenmäßig nur Rang zehn der 13 deutschen Weinregionen, doch in Sachen Qualität spielen die Winzer von der Ahr in der ersten Liga mit. Und so weit entfernt vom Durchschnitt wie der Blaue Spätburgunder, dem das Ahrtal seinen Spitzenruf verdankt, präsentiert sich auch die Landschaft auf 35 Kilometern aussichtsreicher Wanderstrecke.
Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: Das Ahrtal ist schon lange kein Geheimtipp mehr! Nicht unter Weinkennern (schon die Römer pflanzten erste Reben an), und auch nicht bei Erholungssuchenden: Seit über 100 Jahren kommen sie zum Wandern, Feiern und Genießen in die kleinen Winzerorte an der mittleren Ahr.
So wie nach Altenahr zum Beispiel. Das Tal so eng und heillos zugestellt, als hätte wirklich ein Modellbahner auf kleinstem Raume seiner Fantasie den Lauf gelassen: Da ist der Fels mit den aberwitzig steilen Wänden, der Burgruine und zwei Tunnelröhren; ein Brückchen steht bereit für die roten Triebwagen der Ahrtalbahn, eine Seilbahn und ein Aussichtspunkt mit Gipfelkreuz dürfen auch nicht fehlen. Ein Weinfest ist natürlich auch vorhanden, mit Festzelt und Tamtam an jedem Wochenende im Oktober – und in den vielen Gasthäusern eigentlich das ganze Jahr hindurch.
Einen vollen Wandertag ab hier muss man ansetzen für das Herzstück des Rotweinwanderwegs, die 21 Kilometer nach Bad Neuenahr-Ahrweiler. Wer ein ganzes Wochenende Zeit mitbringt, kann weiter wandern bis Bad Bodendorf bei Remagen, wo die Ahr gegenüber dem Fachwerkstädtchen Linz in den Rhein mündet.
Steil und heftig über Stock und Stein windet sich der Rotweinwanderweg auf seinen ersten Metern hinauf zur Burgruine Are. Doch die Aussicht lohnt nach allen Seiten: Hier nochmal der alte Weinbauort von oben, dort das unberührte Langfigtal, wo die Ahr einen Berg umfließt, um sich dann, auf der Rückseite des Burgfelsens, mit Bahn und Straße wieder zu vereinigen. Mit der Burg im Rücken geht es durch die ersten Rotweinlagen Richtung Mayschoß. Hier bleibt der Weg auf halber Höhe, umkreist den Winzerort mit der markanten Pfarrkirche in einem weiten Bogen. 1868 wurde in Mayschoß die erste Winzergenossenschaft der Welt gegründet. Wer in die Gewölbe der Kellerei hinabsteigt, kann sich in einer Ausstellung auf eine Zeitreise durch die Jahrhunderte des Weinbaus an der Ahr begeben.
„Wer an der Ahr war und die Ahr sah, der nicht da war!“ heißt das viel zitierte Sprüchlein dieser Gegend. Und tatsächlich: Meistens bleibt der Fluss verborgen hinter Bäumen und Böschungen. Nur einmal, in Rech, berührt der Rotweinwanderweg die Talsohle.
Dernau, der größte Winzerort des mittleren Ahrtals, kann wieder von den Reblagen herab bewundert werden. Zahlreiche Keller laden ein zu Weinprobe und Winzervesper.
Auch den Blick von der „Bunten Kuh“ herab muss man sich gönnen. Der markante Fels ist die letzte Bastion des engen Talabschnitts, gleichsam die Loreley des Rotweinlandes. Kurz darauf weitet sich die Welt für Bad Neuenahr-Ahrweiler, das nach den Dörfern dieses Tages fast wie eine Großstadt wirkt.
Die mächtige Stadtkirche, das Rokoko-Rathaus am Markt und die vielen Fachwerkhäuser laden ein zum Bummeln. Und ganz sicher wird sich dabei auch ein Gasthaus mit Ambiente finden – für müde Beine, ein gutes Gläschen Rotwein und hinterher die rechte Bettschwere!
Ahrtal: Im Paradies der Trauben
Auf dem Rotweinwanderweg zwischen Altenahr und Bad Bodendorf kann man Wanderfreuden und Weingenuss gut kombinieren
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