E-Paper | Apps | Newsletter | RSS RSS
 
 
| |
 
SUCHE: | Erweiterte Suche |
 
| Suchen |
 
 

Ausflugstipp: Stoewer-Museum in Wald-Michelbach

Oldtimer: Manfried Bauer präsentiert in seinem Stoewer-Museum in Wald-Michelbach restaurierte Oldtimer und andere Erinnerungsstücke an die Automobilfabrik

Hier werden Männeraugen groß: Manfried Bauer präsentiert in seinem Stoewer-Museum in Wald-Michelbach restaurierte Oldtimer und andere Erinnerungsstücke an die Automobilfabrik.
Prunkstück: Der Stoewer C 3 aus dem Jahre 1913 ist das Lieblingsmodell von Manfried Bauer. In seinem Privatmuseum in Wald-Michelbach präsentiert er die Objekte seiner Sammelleidenschaft. Foto: Manfred Giebenhain

Wenn Manfried Bauer mit seinem königsblauen Arkona bei Oldtimerrundfahrten an den Start geht, richten sich jedes Mal viele Augen auf die 70 Jahre alte Luxuslimousine mit der ungewöhnlichen Kühlerfigur. Es ist ein Greif, das Wappentier von Pommern. Die Fabelfigur, eine Mischung aus Adler und Löwe, ziert auch das Wappen der Stoewer Automobilfabrik, in der die über zwei Tonnen schwere Nobelkarosse hergestellt wurde.

Doch wer ist Stoewer? Fast 49 Jahre lang mischte das Stettiner Familienunternehmen auf dem damals noch jungen Markt der Automobile mit und konnte mit so großen Namen wie Daimler und Benz mithalten, auch wenn die Produktionszahlen der einzelnen Modelle - was durchaus beabsichtigt war - weit darunter gelegen haben. So sind vom Arkona der Baureihe Phaenton heute weltweit nur noch zwei Stück erhalten. Eines davon steht im privaten Stoewer-Museum von Manfried Bauer in der Odenwaldstadt Wald-Michelbach.

Auf der Berliner Automobilausstellung 1939 sollte das für damalige Verhältnisse grandiose 90 PS-starke Fahrzeug (Spitzengeschwindigkeit 130 km/h, 3609 ccm Hubraum) vor allem Eindruck bei den Nazigrößen schinden. Zum Beweis zieht Manfried Bauer ein Foto aus der Tasche, auf dem Hitler, Goebbels und Göring bei der Begutachtung zu sehen sind.

Weshalb es dann doch nicht zum Führerfahrzeug gereicht hat, erklärt der Oldtimerfreund mit einem Blick auf den Kalender: ,,Mit dem völlig offenen, ohne Scheiben konstruierten Fahrzeug der Luxusklasse wollte Stoewer den Sprung ganz nach oben schaffen." Doch wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs passten solche Modelle nicht mehr ins Konzept der Machthaber, die auf ihre Weise sich schon frühzeitig mit geschützten und gepanzerten Fahrzeugen auf das bevorstehende Massaker vorbereiten wollten. Also blieb es bei der wohlwollenden Besichtigung und Stoewer produzierte in der Folge, wie andere Hersteller auch, geländetaugliche Jeeps mit Vierradantrieb. Über zehntausend Stück orderte die Wehrmacht bei Emil Stoewer, der gemeinsam mit seinem Bruder Bernhard 1896 die vom Vater gegründete Nähmaschinenfabrik übernommen und zusätzlich mit der Herstellung von Autos begonnen hatte.

Die Stoewer Automobilfabrik war nicht nur eine der ersten in Deutschland, die Autos baute, sondern auch Pionier in Sachen Vierzylinder, Sechszylinder und Vorderradantrieb, zählt Manfried Bauer auf. Übrig geblieben sind nur noch Erinnerungen und ein paar hundert Stoewer-Fahrzeuge, die in alle Welt verteilt sind. Mit dem Ende des Kriegs fiel Stettin an Polen und Stoewer in Vergessenheit. Im Stoewer-Museum von Manfried Bauer erinnert eine Luftaufnahme vom Werk an die Herkunft der liebevoll restaurierten Benzinkutschen mit ihren breiten Kotflügeln, Karbidlampen und dem auf dem seitlich angebrachten Reserverad montierten Außenspiegel.

Besonders angetan hat es Manfried Bauer der C 2 aus dem Jahr 1913, den er eigenhändig restauriert hat: ,,Hier finden Sie keine Elektrik; das Fahrzeug wurde noch angekurbelt." Das Gaspedal befindet sich in der Mitte; das Steuerrad auf der rechten Seite. Das komme daher: In Preußen galt die Regel, dass ein Fahrzeug in der Fahrbahnmitte zu fahren hat. ,,So oft kam damals keiner entgegen", lacht Manfried Bauer. Erstanden hat er das Liebhaberstück (28 PS, Spitzengeschwindigkeit 75 km/h, 2413 ccm Hubraum) vor zehn Jahren aus England; den Arkona übrigens in New York. Am Raumende steht das einzige unrestaurierte Fahrzeug, eine rotbraune V 5-Limousine aus dem Jahr 1932. ,,Das erste deutsche Fahrzeug mit Vorderradantrieb", fügt der Sammler hinzu.
Abbildung: Stoewer

Längst reicht der Platz in der früheren Sparkassenfiliale in der Michelstraße nicht mehr aus, um alle Sammlerobjekte zu zeigen. Zu den Originalen gesellen sich zahlreiche Miniaturen, die in den Glasvitrinen zwischen Ansteckern, Firmenschildern, Typenschildern und Pokalen stehen. An den Wänden erinnern Werbeplakate, Urkunden und Fotoaufnahmen an die Glanzzeiten der Autobauerfamilie. Ein Stockwerk tiefer kommt das zweite Standbein des Stettiner Werks zur Geltung: Unzählige Nähmaschinen und Schreibmaschinen füllen die früheren Kellerräume der Sparkasse. Ganz hinten steht ein Damentourenrad aus dem Jahr 1900. Dreißig Jahre später ging die Fahrradproduktion an die Bielefelder Falterwerke über, die bis in die sechziger Jahre hinein Zweiräder mit dem Namen Stoewer verkaufte.

Bereits lange vor der Eröffnung seines Privatmuseums im April 2002, zu dem auch Jutta Barckmann, die Enkelin von Bernhard Stoewer gekommen war, galt Manfried Bauer als Fachmann in Sachen Stoewer. Als kleiner Junge mit seinen Eltern aus Pommern vertrieben, besuchte er 1984 zum ersten Mal seine Geburtsstadt und fand Gefallen an deren Automobilgeschichte. Seitdem sammelt der inzwischen pensionierte Feinwerkmechaniker und späterer Computertechniker nicht nur alles, was mit dem Namen Stoewer und Stettin zusammenhängt, sondern ist auch im weltweiten Netzwerk ein gefragter Mann. Besucher aus aller Welt kommen nach Wald-Michelbach. Aber Manfried Bauer ist auch selbst häufig in Sachen Stoewer unterwegs und unterhält viele freundschaftliche Kontakte, wie zum einzigen weiteren Stoewer-Museum Armidale, das sich am anderen Ende der Welt, in New South Wales in Australien, befindet.

Weitere Informationen

Das Stoewer-Museum in der Michelstraße 2 in 69483 Wald-Michelbach ist jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Außerdem sind nach Absprache Sondertermine möglich. Auskünfte unter Telefon 06207-923620 und unter www.stoewer-museum.de.

Wer sich für Oldtimer interessiert, findet viele Hintergrundinformationen in Hans Mais Buch ,,Stoewer Automobile - Vom Einzylinder zum Achtzylinder ", Verlag Günter Preuß, 136 Seiten, Großformat, 75 Euro.


 

Artikel Text Laenge: 5669

ANZEIGE
 
  • 06. März 2010
  • Von Manfred Giebenhain
x Artikel verlinken

Wenn Sie auf diesen Artikel von echo-online.de verlinken möchten, können Sie einfach und kostenlos folgenden HTML-Code in Ihre Internetseite einbinden:

Bitte beachten Sie unsere AGB, die Datenschutzerklärung und das Impressum. Sämtliche Rechte für Artikel liegen bei der Echo Medien GmbH. Beiträge dürfen als Textkopie, Pdf-Datei oder Bild-Scan nur nach Absprache in das Layout anderer Seiten eingebunden werden.

 
SCHON GESEHEN?
 
 
ANZEIGE